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Vom Wachstumsmythos zur Postwachstumsökonomie
 

Ă–kologische Modernisierung als radikalisierter Fortschrittsmythos

Multiple Krisenszenarien erschüttern den vielleicht letzten Konsens, der moderne Gesellschaften bei aller Interessenheterogenität noch zusammenhält. Die Rede ist vom Wachstumsdogma. Bis zum ersten Bericht an den Club of Rome aus dem Jahr 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ ließ sich gesellschaftlicher Fortschritt in einen bedingungslosen Wachstumsimperativ übersetzen. Unbehelligt von materiellen oder ökologischen Restriktionen mündeten wirtschafts- und naturwissenschaftliche Bestrebungen in eine Steigerungslogik, die mit Schlüsselkategorien wie Wohlstand, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden assoziiert werden konnte.Mit der Verzahnung von wirtschaftlichem Wachstum und technischem Fortschritt schien eine Beseitigung aller Knappheiten und Hindernisse, die dem modernen Selbstverwirklichungsgebot in Quere kommen könnten, nur eine Frage der Zeit zu sein. Dabei galt es nicht nur, das Mittelarsenal der individuellen Glückssuche fortwährend qualitativ zu steigern, sondern über quantitative Zuwächse einer immer größeren Anzahl von Erdbewohnern zugänglich zu machen, um dem historischen Großvorhaben einer befriedeten Menschheit näher zu kommen.

Simmel spricht in diesem Zusammenhang von „substanziellem Fortschritt“: Wenn es gelingt, den Bestand an Werten zu vermehren, kann die „Menschheitstragödie der Konkurrenz“ (Simmel 1920: 306) gelindert werden, nämlich in Form einer Ablenkung des Kampfes zwischen Menschen in einen Kampf zwischen Mensch und Natur. „In dem Maße, in dem man weitere Substanzen und Kräfte aus dem noch unokkupierten Vorrat der Natur in die menschliche Nutznießung hineinzieht, werden die bereits okkupierten von der Konkurrenz um sie entlastet“ (ebd.: 305).Anknüpfend an die bereits von Bacon und Descartes begründete Fortschrittslogik war folglich davon auszugehen, dass die irdischen Naturgüter ihrer Aneignung und Verwertung harren. Indes wird offenkundig, dass die nach dieser Maßgabe permanent zu steigernden Mittel im Dienst von Freiheit, Wohlergehen und  Frieden kein anderes Erscheinungsbild hervorgebracht haben als einen globalen Konsumtempel, der möglichst allen offen stehen soll. Drei Zugänge sind es im Wesentlichen, die jedem Individuum das von sämtlichen Schwerkräften befreite Navigieren im Kosmos der Glückssuche erlauben, nämlich Geld, Kerosin und digitale Kommunikation.

Anfang der 1970er Jahre wurde die Party von einem unfreundlichen Zwischenruf gestört. Dieser ging mit der Entdeckung eines Phänomens einher, welches fortan „ökologische Lebensgrundlagen“ genannt wurde. Darauf einsetzende Übungen in kritischer Reflexion konnten den modernen Industrie- und Konsumkomplex zwar als Verursacher neuer Knappheiten entlarven, den Glauben an die Allmacht von Technik, Wissenschaft und Wachstum aber nicht wirklich erschüttern. Tatsächlich trat sogar das Gegenteil ein. Im Nachhinein betrachtet, kann für das antiquierte Paradigma der Naturbeherrschung immerhin der mildernde Umstand geltend gemacht werden, dass dessen Vertreter die ökologischen Fernwirkungen ihrer Utopie nicht im Geringsten antizipieren konnten. Folglich richtete sich der Optimismus allein auf die Effektivität der Aneignung.

Verglichen damit mutet die neuerdings Platz greifende Fortschrittszuversicht, welche eng mit der Idee einer nachhaltigen Entwicklung verwoben ist, weitaus naiver an. Was sich als ökologische Aufklärung geriert, lässt aus anderer Perspektive geradezu eine Verschärfung des ökonomischen und technischen Machbarkeitswahns erkennen. Denn letzterer begnügt sich nicht mehr damit, die materialisierten Symbole für Freiheit und Wohlergehen weiterhin zu vermehren, sondern gibt allen Ernstes vor, dies auf ökologisch unschädliche Weise bewältigen zu können.

Die nunmehr doppelte Glaubensleistung, aus welcher sich der Impetus einer ökologischen Modernisierung speist, markiert die Geburtsstunde des „qualitativen“, „nachhaltigen“ oder „decarbonisierten“ Wachstums. Es geht dabei um nichts weniger als dies: Der in Geld transferierte Output einer weltweit arbeitsteiligen Industrie soll weiterhin unbegrenzt wachsen – gleichzeitig soll die geschundene Biosphäre entlastet werden. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen qualitativem und quantitativem Wachstum.

Dies suggeriert, dass sich industrielle Wertschöpfung nach Belieben in zwei Dimensionen aufspalten lässt. Bei der einen handelt es sich um die rein qualitativen Werte, genauer: um die nutzenstiftenden Funktionen, um derentwillen Güter überhaupt produziert werden. Diese an sich immateriellen Zwecke sollen von der zweiten Dimension, nämlich der dinglichen, somit ökologisch problematischen Gestalt des Outputs abgeschieden werden. Die solchermaßen sauber heraus gelöste Qualität soll weiter wachsen, weil sie ökologisch unbedenklich ist, den angestrebten Konsumnutzen erhöht und Marktumsätze generiert, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhen. Erinnerungen an Bacon werden wach, hatte dieser doch mit seiner Formel „disseccare naturam“ die Zerstückelung der Natur zur Idee erhoben, um die vermeintlich separierbaren Elemente und Einzelwirkungen in einen Baukasten zu verwandeln, mit dem ungeahnte Neuschöpfungen bis hin zu einer passgenauen Welt zu montieren seien.

Die Entkopplungsvisionen

Der Nachhaltigkeitsdiskurs hat zwei solcher Entkopplungsvisionen hervorgebracht, die jeweils beanspruchen, die qualitativen (wünschenswerten) von den quantitativen (unerwünschten) Bestandteilen der industriellen Maschinerie abtrennen zu können. Es handelt sich zum einen um die Erhöhung der Effizienz beziehungsweise Ressourcenproduktivität, zum anderen um die ökologische Konsistenz.

Effizienzmaßnahmen orientieren sich daran, den pro Leistungseinheit erforderlichen Input an Energie und Material zu minimieren. So gewährleistet beispielsweise ein Passivhaus aus Sicht seiner Bewohner dieselben Funktionen wie ein konventionelles Wohnhaus, verbraucht aber nur einen Bruchteil der Wärmeenergie. Ähnliches gilt für Energiesparbirnen, Drei-Liter-Autos oder Kühlschränke, deren Energiebedarf unter Wahrung aller bisherigen Wohlstandsmerkmale reduziert werden kann. Nicht nur technischer Fortschritt, sondern auch veränderte Arrangements von Verfügungsrechten lassen eine Entkopplung theoretisch möglich erscheinen. So versinnbildlicht das viel strapazierte Beispiel des Carsharings ein Nutzungssystem, in welchem Nachfrager auf das Eigentum eines Autos verzichten und stattdessen ein temporäres Verfügungsrecht konsumieren, also den angestrebten Nutzen (Fortbewegung per Auto) in Reinform abrufen. An gefahrenen Kilometern soll indes nicht gespart werden, denn sonst ließe sich das zentrale Versprechen dieser Dienstleistungsstrategie nicht einlösen: Entlastung der Ökologie ohne Wohlstandsverlust.

Mit exakt derselben Beteuerung wartet das zweite Entkopplungsszenario auf, nämlich die ökologische Konsistenz. Sie bezweckt im Unterschied zur Effizienz keine quantitative Reduktion materieller Inputs, sondern setzt am industriellen Stoffwechsel an. So sollen nach dem Vorbild der Natur alle materiellen Kreisläufe geschlossen, insbesondere die verwendeten Substanzen, Energieträger und Umwandlungsprozesse perfekt in die Ökologie eingebettet werden. Was biologisch abbaubar ist, zerfällt nach seiner Nutzung buchstäblich zu neuer Nahrung für die Ökologie. Auch jenseits organischer Systeme soll dieses Prinzip angewandt werden, nämlich als technische Rezyklierung. Wenn das Design aller Produkte, Technologien und Infrastrukturen deren rückstandslose Demontage und Wiederverwendung ermöglichen würde, entfiele nicht nur jede ökologische Belastung, sondern es entstünde sogar industrielle Nahrung für neue Wertschöpfung.Ein derart futuristisches Ressourcenkarussell, das sich schnell genug  drehen muss, weil andernfalls kein Wirtschaftswachstum denkbar wäre, schluckt viel Energie.

„Kein Problem“, sagen deren Protagonisten, denn Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie sind reichlich vorhanden und ökologisch konsistent, weil emissionsfrei. Die Vermeidung unerwĂĽnschter Nebenfolgen weiterer ExpansionsschĂĽbe wird so an einen technischen und institutionellen Fortschritt delegiert, der mit entsprechenden Innovationen aufwartet, um die Entkopplung zu ermöglichen. Und da diese Innovationen selbst besonders effektive Wachstumstreiber sind, wie spätestens seit Schumpeters Darlegungen zum Innovationswettbewerb als Wesenszug moderner Marktwirtschaften bekannt ist, gelingt so die magische Wandlung eines vormals problematischen in ein nunmehr „problemlösendes Wachstum“ (Lehner/Schmidt-Bleek 1990: 10). Der damit eröffnete Erwartungshorizont findet sich in verheiĂźungsvollen Begriffen wie „doppelte Dividende“ (vgl. Bovenberg/Mooij 1994; Coulder 1995), „Doppelter Wohlstand – halber Naturverbrauch“ (von Weizäcker/Lovins/Lovins 1995), „Dritte (oder etwa schon vierte?) Industrielle Revolution“ (Machnig 2007) oder „Green New Deal“ (Giegold 2009) wieder.

Wachstumsdämmerung

Allerdings scheint sich diese Entkopplungseuphorie seit neuestem nicht mehr der gewohnten Einhelligkeit zu erfreuen. Spätestens mit einer sich zum Krisendreigestirn gemauserten Gemengelage – der Klimawandel dramatisiert sich, der Ressourcenbasis des Wohlstandsmodells droht ein „Peak Everything“ (Heinberg 2007) und die Finanzwelt durchlebt ein nie da gewesenes Chaos – polarisiert sich der Diskurs um eine nachhaltige Zukunftsperspektive. Während eine Seite die Flucht nach vorn antritt und sich in der Beschwörungsrhetorik einer „Wachstumsbeschleunigung“ übt, mehren sich andernorts die Anzeichen für eine neue Wachstumsdiskussion. Längst ist die Rede von einer „Wirtschaft jenseits von Wachstum“ (Daly 1999), „La decrescita felice“ (Pallante 2005), „Décroissance“ (Latouche 2006), einer „Postwachstumsökonomie“ (Paech 2008, 2009), „Degrowth“ (Jackson 2009), einem „Vorwärts zur Mäßigung“ (Binswanger 2009), einer „Kulturrevolution des Alltags“ (Leggewie/Welzer 2009), einem „Exit“ (Miegel 2010) aus dem Wachstumsdogma oder gar einer „Postwachstumsgesellschaft“ (Seidel/Zahrnt 2010).

Was spricht fĂĽr eine Ăśberwindung des Wachstumsdogmas?

Der geplatzte Traum vom entkoppelten Wachstums

Leider lassen sich die Axiome der Thermodynamik auch in einer noch so ausgeklĂĽgelten Dienstleistungs- oder Kreislaufwirtschaft nicht einfach auszutricksen. Besonders anschaulich wird dies anhand des Klimawandels.

Trotz enormer technischer Fortschritte sowohl zur Steigerung der Energieeffizienz als auch zur Nutzung regenerativer Energiequellen nimmt die globale CO2-Belastung rasant zu. Dies belegt unter anderem eine Studie des „Global Carbon Project“ (vgl. Raupach u.a. 2007). Hier zeigt sich, dass sowohl die Abnahme der Emissionsintensität einer Primärenergieeinheit (ökologische Konsistenz), als auch die Abnahme des Primärenergiebedarfs pro Wertschöpfungseinheit (ökologische Effizienz) ins Stocken geraten sind. Anstelle einer Entkopplung ist vielmehr das genaue Gegenteil, nämlich eine Re-Materialisierung zu beobachten.

Aber selbst während vorangegangener Phasen, in denen ein Entkopplungseffekt feststellbar war, hat dieser nicht annähernd den dramatischen Anstieg der CO2-Emissionen verhindern können. Die klimapolitisch notwendige Verringerung der Pro-Kopf-Emission auf mittelfristig zwei bis drei Tonnen pro Jahr scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Zuweilen wird behauptet, dass zumindest in Teilbereichen eine CO2-Senkung gelungen sei. Übersehen werden darf jedoch nicht, dass die im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung möglich gewordene Verlagerung CO2-intensiver Wertschöpfungsstufen zu einer optischen Täuschung führt: Über den Konsum von Produkten und Dienstleistungen, deren teilweiser Ursprung in Indien, China etc. liegt, werden CO2-Mengen und Ressourcenverbräuche verursacht, die in der umweltökonomischen Gesamtrechnung schwer zu berücksichtigen sind.

Selbst erneuerbare Energien sind für sich genommen noch kein Beitrag zur Nachhaltigkeit, wenn sich der absolute Energieverbrauch nicht zugleich deutlich reduziert, also fossile Kraftwerke abgeschaltet werden. Bislang wurden Einsparerfolge durch Wachstumseffekte kompensiert. Effiziente Geräte finden zwar Verbreitung, doch zugleich werden beständig größere und zusätzliche Apparate angeschafft. Die theoretische und empirische Bearbeitung aller inzwischen aufgedeckten so genannten „Rebound-Effekte“ sprengt angesichts seiner Komplexität und zunehmenden Brisanz den Rahmen des vorliegenden Beitrags. Hier kristallisiert sich bereits eine eigene Theorie des systematischen Scheiterns der Entkopplungsidee heraus (vgl. Paech 2005, 2005a, 2009a).

GlĂĽck und Gerechtigkeit wachsen nicht mit der Ă–konomie

Die so genannte „Glücksforschung“ nährt die Einsicht, dass eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens ab einem bestimmten Niveau keinen weiteren Zuwachs an subjektiv empfundenem Wohlbefinden stiftet. Eine theoretische Begründung dieses Befundes, der sich für alle modernen Konsumgesellschaften empirisch verifizieren lässt (vgl. Layard 2005), lieferte bereits der amerikanische Ökonom Hirsch (1980). Demnach ist der Konsumnutzen vieler Güter symbolischer oder demonstrativer Art, beruht also auf sozialem Prestige, Distinktion (vgl. Bourdieu 1987) oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Derartige „positionale Güter“ sind von einem Wettbewerb geprägt, „in dem es grundsätzlich um einen höheren Platz innerhalb einer expliziten oder impliziten Hierarchie geht und somit Gewinne für einzelne nur durch die Verluste von anderen möglich sind“ (Hirsch 1980: 84).

Folglich ist ein immer höherer Konsumaufwand vonnöten, um ein bestimmtes, keineswegs steigerbares Glücksempfinden zu behaupten: Mit jedem Wachstumsschub können bestimmte Konsumenten ihren Status verbessern. Insoweit dies zwangsläufig zulasten der relativen Position anderer geschieht, wird weiteres Wachstum stimuliert, um der gesteigerten Konsumnachfrage der zuvor ins Hintertreffen Geratenen zu entsprechen, die ihren Status Quo bewahren wollen. Diese Rückkoppelung – Wachstum erzeugt die Notwendigkeit neuen Wachstums – hat weitere Wirkungen, insoweit die Lebenszufriedenheit auch auf zwischenmenschlichen Beziehungen, der Integrität des sozialen Umfeldes, Erfolg und Anerkennung auf Basis eigener Fähigkeiten, Gesundheit, Sicherheit und einer als intakt empfundenen Umwelt gründet.

Eine Glück stiftende Ausschöpfung derartiger Aspekte erfordert kein Geld, sondern einen anderen Input, nämlich Zeit.

Andererseits bedeutet die Finanzierung eines immer höheren materiellen Lebensstandards eine Maximierung der Erwerbsarbeit.Dies zeigt sich unter anderem an der Etablierung doppelt erwerbstätiger Haushalte. Folglich verbleibt weniger Zeit für bislang in Eigenarbeit ausgeführte Tätigkeiten, wie etwa Kindererziehung, Nahrungszubereitung, die Pflege des Haushalts oder eines Gartens, die nun ebenfalls in Fremdversorgungsleistungen umgewandelt und finanziert werden müssen, was wiederum abermals den Bedarf an monetär entgoltener Arbeit erhöht.Wenn Wachstum nicht ohne ökologischen Substanzverzehr zu haben ist und obendrein zumindest in prosperierenden Konsumgesellschaften kein Zuwachs dessen beschert, was gemeinhin „Glück“ genannt wird, sorgt es dann wenigstens für eine Milderung von Armut (in Entwicklungsländern) und Gerechtigkeitslücken?

Strukturwandel durch Spezialisierung

Ökonomisches Wachstum ist eng mit den Effizienzvorteilen des Freihandels verbunden. Durch internationale Arbeitsteilung – jedes Land spezialisiert sich auf das, was es am kostengünstigsten herstellen kann und importiert umgekehrt die Dinge, welche in anderen Ländern billiger produziert werden können – kann insgesamt mehr produziert werden, als in einer Welt, deren Länder und Regionen sich nur mit dem versorgen, was sie selbst erzeugen können. Allerdings bedarf die überregionale Spezialisierung eines Strukturwandels. Dieser bringt innerhalb der daran beteiligten Regionen notwendigerweise immer Verlierer und Gewinner hervor (vgl. Stolper/Samuelson 1941).

Das auszugleichen gelänge nur mittels einer Umverteilungspolitik, um deren Vermeidung willen die Wachstumsstrategie jedoch gerade propagiert wird. Genau deshalb findet eine Umverteilung der Handelsgewinne praktisch nie statt. Es stellt also nicht den geringsten Widerspruch dar, dass der Reichtum bestimmter Gruppen systematisch mit einer Verschlechterung der Lebensverhältnisse anderer Gruppen erkauft wird – bei gleichzeitiger Steigerung des Bruttoinlandsproduktes.

Wenn etwa der Handel mit Indien intensiviert wird, begünstigt dies einen Strukturwandel, der dazu führt, dass die Ressourcen des Landes verstärkt in jene Branchen transferiert werden, die besonders konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt sind. In den davon betroffenen Branchen steigen die Gewinne und Arbeitnehmereinkommen. Aber durch diese Spezialisierung verlieren die Branchen, welche weniger konkurrenzfähig sind, an Bedeutung. Hier werden tendenziell Ressourcen abgezogen, die Produktion eingeschränkt, Arbeitnehmer freigesetzt. Wenn nun diese sozialen Effekte nicht dadurch aufgefangen werden, dass die freigesetzten Arbeitnehmer in den boomenden, meistens modernen und tendenziell wissensintensiven Branchen eine Beschäftigung finden – wie sollen Reisbauern kurzfristig zu Programmierern werden? – oder durch ein halbwegs funktionsfähiges soziales Sicherungssystem gestützt werden, drohen Verwerfungen.

Selbst wenn aller Arbeitskräfte in die spezialisierte, auf den Weltmarkt ausgerichtete Produktionsstruktur integriert werden können, verbleibt ein eklatantes Problem, nämlich der Verlust jeglicher „Daseinsmächtigkeit“ (Gronemeyer 1988). Die Abkehr von der Selbstversorgung mag dazu verhelfen, an den Effizienzvorteilen der industriellen Arbeitsteilung zu partizipieren, führt jedoch in die schicksalhafte Abhängigkeit von globaler Fremdversorgung. Deren Stabilisierung hängt von Bedingungen ab, die absehbar nicht mehr erfüllt werden können. Dazu zählt die unbegrenzte Verfügbarkeit fossiler Energieträger, ohne die ein weltweites Transportsystem nicht denkbar ist.Weiterhin können sich die Folgen eines nicht mehr abwendbaren Klimawandels besonders prägnant auf weltweite Wertschöpfungs- und Logistikketten auswirken. Starkregen-, Dürre-, Sturm-, Hochwasser-, Flutereignisse etc. gefährden mit umso höherer Wahrscheinlichkeit Wertschöpfungsprozesse, je größer deren geographischer Radius ist. Die Stabilisierung eines Lebensstils, der vollständig von geldvermittelter und global arbeitsteiliger Fremdversorgung abhängig ist, setzt überdies hinreichendes Wachstum voraus. Mit zunehmender Spezialisierung – um der Ausschöpfung von Effizienzvorteilen willen –, die eine immer größere Distanz zwischen Verbrauch und Produktion bedingt, steigt die Anzahl der dazwischen liegenden Wertschöpfungsstufen. Deren Investitions- und damit Kapitalbedarf trägt zur Notwendigkeit ökonomischen Wachstums bei (vgl. Paech 2007).

Je höher das Fremdversorgungs- oder Komfortniveau ist, umso teurer (notwendiges Einkommen) und energieaufwändiger (materielle Basis zur Produktion) ist die Aufrechterhaltung dieser Existenzform. Individuelle Schicksale liegen damit zusehends in den Händen einer nicht mehr steuerbaren und zu Instabilitäten neigenden Weltwirtschaft. Damit rückt eine unausweichliche Eskalation immer näher: Einerseits ist das System auf Gedeih und Verderb von Wachstum abhängig, andererseits beraubt sich das Wachstum seiner materiellen Basis, weil es nicht von Energie und anderen Ressourcenverbräuchen entkoppelt werden kann (siehe oben). Die soziale Vulnerabilität steigt mit dem Grad der Fremdversorgung: Um Krisen zu verursachen, reicht bereits ausbleibendes oder nicht hinreichendes wirtschaftliches Wachstum.

Peak Oil, Peak Soil, Peak Everything

Der auf permanenter Konsum- und Mobilitätssteigerung basierende Lebensstil moderner Industriestaaten speist sich aus Rohöl und anderen Ressourcen, die zu Weltmarktpreisen importiert werden müssen. Mittlerweile vollzieht sich in ehemaligen Entwicklungsländern eine „Konsumrevolution“ (Myers/Kent 2005) durch eine neu entstehende globale Mittelschicht. Mindestens eine Milliarde „neuer Konsumenten“ treibt durch zusätzliche Güternachfrage die Rohstoffpreise nach oben. Der heftig diskutierte „Peak Oil“ weitet sich längst zum „Peak Everything“ (Heinberg 2007) aus.

Hinzu tritt die Verknappung von Flächen, also ein veritabler „Peak Soil“.1 Jüngst hat eine im Auftrag der Bundeswehr erstellte Studie für Furore gesorgt. Ein „ökonomischer Tipping Point“ (ZTransfBw 2010: 47) bestehe dort, wo infolge des Peaks „die Weltwirtschaft auf unbestimmbare Zeit schrumpft. In diesem Fall wäre eine Kettenreaktion die Folge, die das Wirtschaftssystem destabilisiert“ (ebd.). Weiter heißt es dort: „Mittelfristig bricht das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen“ (ebd.: 49). Eine auf „unbestimmte Zeit schrumpfende Wirtschaftsleistung“ stelle einen „höchst instabilen Zustand dar, der unumgänglich in einem Systemkollaps“ ende. Die Sicherheitsrisiken einer solchen Entwicklung seien nicht abzuschätzen (vgl. auch Welzer 2008). „Ein hohes systemisches Risiko ist in Anbetracht des Globalisierungsgrades Deutschlands also auf jeden Fall und unabhängig von der eigenen Energiepolitik gegeben“ (ZTransfBw 2010: 50).

Vor diesem Hintergrund werden Lebens- und Versorgungsstile, die unabhängig von Wachstum und externer Ressourcenzufuhr stabilisierbar sind – folglich nur auf einer reaktivierten Balance zwischen lokaler Selbst- und industrieller Fremdversorgung beruhen können –, zum reinen Selbstschutz. Dieser Logik scheint sich nicht einmal die Bundeswehr, wenngleich strukturell eher fĂĽr andere Lösungsansätze prädestiniert, verschlieĂźen zu können: „Auf gesellschaftlicher Ebene ist (…) auch eine Stärkung von Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Selbstorganisation von BĂĽrgern auf lokalem Level denkbar“ (ebd.: 77).

Die Postwachstumsökonomie als Alternative

Nachhaltige Entwicklung, die diesen Namen verdient, kann kein Projekt des zusätzlichen Bewirkens, sondern nur eine Kunst der Reduktion sein. In diesem Sinne zielt eine Postwachstumsökonomie darauf, Expansionszwänge zu überwinden. Deren wichtigster besteht in Lebens- und Versorgungsstilen, die vollständig von geldvermittelter und global arbeitsteiliger Fremdversorgung abhängig sind. Wenn Bedürfnisse, die vormals durch handwerkliche Tätigkeiten, Eigenarbeit, Subsistenz, lokale Versorgung und soziale Netzwerke befriedigt wurden oder denen gegebenenfalls auch mit Entsagung begegnet wurde, Zug um Zug durch käufliche Produkte, Dienstleistungen und Komfort generierende Automatisierung/Mechanisierung abgedeckt werden, ist die Existenzsicherung einer wachsenden Versorgung mit Geld ausgeliefert.

Die Geldabhängigkeit verstärkt sich mit zunehmenden kulturell induzierten Ansprüchen an materielle Selbstverwirklichung. Eine auf Konsum und spezialisierter Erwerbsarbeit gründende Daseinsform führt überdies tendenziell zu einer Verkümmerung aller Fähigkeiten, zur (geldlosen) Existenzsicherung, insbesondere zur Selbstversorgung.

Eine Postwachstumsökonomie zielt auf das Wechselspiel zweier Ansatzpunkte: Eine Anpassung von Ansprüchen (Suffizienz) an die Möglichkeiten, welche sich aus eigenen Fähigkeiten oder den nahe gelegenen, nicht vermehrbaren Optionen und Ressourcen speisen (Subsistenz). Dies bedeutet eine neue Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung. Ein wichtiger Schlüssel bestünde in einer Reduktion und Umverteilung der durchschnittlichen Erwerbsarbeit. Angenommen, die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit würde auf 20 Stunden reduziert, dann könnte das industrielle Fremdversorgungssystem halbiert werden.  Zugleich würde damit Zeit frei, die genutzt werden kann, um marktfreie Versorgungsleistungen zu erbringen.

Eine zeitökonomische Fundierung von Suffizienz

Bisweilen ist die Rückkehr zum übersichtlichen und beherrschbaren Maß notwendig, um den Nutzen einer Aktivität zu optimieren. Die aus der Medizin stammende Binsenweisheit, wonach ein Mittel, das in geringer Menge Heilung verspricht, jedoch bei zu hoher Dosis zum bedrohenden Gift wird, gilt erst recht für die Dosis an konsumierten Produkten und Dienstleistungen. Es hat also nicht nur ökologische Gründe, dass zukunftsfähige Lebenskunst nichts anderes sein kann, als Befähigung zur Reduktion. Wer sich vor einer Flut kaum mehr überschaubarer Konsummöglichkeiten zu schützen versucht, indem er Überflüssiges über Bord wirft, verzichtet nicht.

Konsumtive Entschlackung folgt einer zutiefst ökonomischen Logik. Damit Konsumaktivitäten überhaupt Nutzen stiften können, muss ihnen ein Minimum an Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dies setzt ein Minimum an Zeitinput voraus. Da das Universum an erschwinglichen Selbstverwirklichungsangeboten ähnlich einem nicht enden wollenden Urknall explodiert, der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden hat, verschärft sich die Verwendungskonkurrenz um eine nicht vermehrbare Ressource: Zeit. Folglich entfällt auf jedes Konsumobjekt durchschnittlich ein zusehends geringeres Quantum an Aufmerksamkeit. Damit wird die minimal erforderliche Zeit zum Glück stiftenden Ausschöpfen konsumtiver Optionen zum Engpassfaktor.

Irgendwann reicht die Zeit gerade noch, um Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren, zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegen zu nehmen, unterzubringen… Aber für die eigentliche Nutzung fehlt die notwendige Zeit, weil sie bereits durch die Summe unzähliger Auswahl- und Kaufhandlungen aufgezehrt wurde. Gerade der letztgenannte, noch vor einer eigentlichen Nutzung aufzubringende Zeitinput nimmt infolge einer reizüberfluteten Konsumsphäre rapide zu. Die Wellen der zeitaufwändig wahrzunehmenden und zu verarbeitenden Neuheiten, Wahlmöglichkeiten nebst zugehörigen Informationen torpedieren das „erschöpfte Selbst“ (Ehrenberg 2004) mühelos über die allgegenwärtige digitale Infrastruktur.Überforderung, Stress und Depressionen sind bekannte Indizien. Konform mit der konsumtiven Steigerungsorientierung grassieren Therapievorschläge, die vom optimierten Zeitmanagement bis zum menschlichen Multitasking reichen. Die Ratgeberliteratur boomt – die Ratlosigkeit auch. Kein Wunder, zumal die einzige Lösung nur außerhalb der konsumtiven Systemlogik zu finden ist: in der Konzentration auf eine überschaubare Anzahl von Optionen, denen dann jeweils hinreichende Aufmerksamkeit gewidmet werden kann.

Das damit angesprochene Suffizienzprinzip konfrontiert die verzweifelte Suche nach weiteren Steigerungen von Güterwohlstand und Bequemlichkeit mit einer simplen Gegenfrage: Von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken ließen sich übervolle Lebensstile und schließlich die gesamte Gesellschaft befreien? Hierzu trägt jede Entrümpelung von Objekten und Konsumhandlungen bei, die eine der wertvollsten und knappsten Ressourcen verschlingt, nämlich Zeit.

Wiedererlangung von ökonomischer Souveränität

Sozial und ökologisch stabil sind zukünftig nur Versorgungsstrukturen mit hinreichend geringer Distanz zwischen Verbrauch und Produktion. Wer Konsumabhängigkeit zumindest teilweise durch eigenes Können überlistet, beweist Zukunftsfähigkeit. Allerdings lässt sich Fremdversorgung nur graduell und punktuell aufheben. Zwischen den Extrempunkten der Subsistenz und des Konsums von Produkten, die globalisierten Wertschöpfungsketten entstammen, liegt ein reichhaltiges Kontinuum unterschiedlicher Fremdversorgungsgrade. Eine Neujustierung der Balance zwischen Nah- und Fernversorgung zugunsten der Ersteren schafft nicht nur Daseinsmächtigkeit, sondern stiftet Erfolgserlebnisse, erhöht das Selbstbewusstsein und verringert Zukunftsängste infolge fremdbestimmter Versorgungssysteme.

Für die Reaktivierung der Kompetenz, selbsttätig Bedürfnisse jenseits kommerzieller Märkte zu befriedigen, bietet sich insbesondere der Ernährungsbereich in Verbindung mit urbaner Landwirtschaft an. Community-Gärten, von denen allein in New York inzwischen über 700 existieren, tragen nicht nur zur Überwindung von Geld- und Wachstumsabhängigkeit bei (Meyer-Renschhausen 2004). Überdies bieten sie viele andere Vorteile: gesunde Ernährung, Verbesserung der Stadtökologie, Klimaanpassung, Schaffung von CO2-Senken und – vor allem – Förderung des sozialen Zusammenhaltes. Gemeinschaftsgärten sind Orte der Begegnung, der Integration und des Erlernens praktischer Fertigkeiten. Sie bilden zudem grüne Inseln der Entschleunigung inmitten des hektischen Großstadtalltags.

Ein weiterer Bereich folgt direkt aus den obigen Ausführungen zur Suffizienz. Ein abgerüsteter Bestand an Gegenständen ginge damit einher, diese entsprechend länger und intensiver zu nutzen. Anbieter von Verleih- und Reparaturleistungen würden dabei eine wichtige Rolle spielen, aber auch Selbsthilfestationen in den Stadtteilen. Hier könnten Bürger gegebenenfalls unter Anleitung fachkundigen Personals selbständig die Pflege und Instandhaltung mancher Alltagsgegenstände übernehmen. Handwerksbetriebe und Bildungseinrichtungen wären gefordert, zur Reaktivierung diesbezüglicher Fähigkeiten beizutragen.

Insbesondere Kindern und Jugendlichen wäre praxisnah, etwa durch geeignete Projekte, zu vermitteln, dass Eigenarbeit, Selbermachen sowie handwerkliche Kompetenz von hohem Wert sind. Sich klugerweise nur mit Dingen zu umgeben, die kraft eigener Fertigkeiten beherrscht, gewartet und repariert werden können, lässt sich als Ausweis individueller Stärke darstellen. Tauschringe, Verschenkmärkte, Umsonstläden, Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement etc. bilden einen Kapitalstock, der die urbane Sphäre als Ergänzung zu anderen Versorgungssystemen zukunftsfähig werden lässt. Urbane Subsistenz (Dahm/Scherhorn 2008) bedeutet ein arbeitsteiliges Miteinander …

Zeitreise in eine „Transition Town“ des Jahres 2050 …

Wir schreiben das Jahr 2050. Etwa vor 35 Jahren verbreiteten sich weltweit so genannte „Transition Towns“ (Hopkins 2008). Dies war zwei Umständen geschuldet: Mittlerweile leben mehr als 60 Prozent der Erdbevölkerung in Städten. Außerdem ließ die Handlungsunfähigkeit größerer politische Systeme und Gebietskörperschaften keine andere Möglichkeit, als direkt auf kommunaler Ebene den Herausforderungen des Klimawandels und der Ressourcenkrisen zu begegnen. Den beiden Forschern Dr. Tony Newman und Dr. Douglas Phillips gelingt es mit Hilfe des „Time Tunnels“, in Dialog mit Bewohnern einer europäiFremdversorgungschen Metropole zu treten:

„Mein Nachbar backt mir öfters eines seiner vorzüglichen Vollkornbrote, weil er das gut kann. Dafür repariere ich ihm ab und an Möbelstücke, wenn sie defekt sind, und flicke sein Fahrrad, weil ich wiederum das gut kann. Mein anderer Nachbar spendiert mir Gemüse aus seinem Dachgarten. Dafür installierte und warte ich ein Linux-System auf dem gemeinschaftlich genutzten Familien-Computer seines Haushaltes. Ein anderer Freund gibt meinen Kindern Mathe-Nachhilfe. Davon verstehe ich leider nicht viel. Dafür gestalte ich für ihn einmal im Monat einen besonderen Abend – gern auch unter Einbezug des erweiterten Kreises seiner Familie und anderer Nachbarn.

Was ich anbieten kann: Erstens eine spannende Lesung aus einem meiner Lieblingsbücher, zweitens einen Fotovortrag zu meiner letzten Urlaubsradtour nach Nord-Dänemark und drittens die Gestaltung eines Musikabends, da ich in einer Band spiele. Hierzu nutzen wir bei gutem Wetter eine der vielen offenen Bühnen und Konzertmuscheln, die jetzt dort zu finden sind, wo vormals Parkplätze waren. Die Stadtverwaltung hatte viele Parkplätze in öffentliche Areale umgewandelt, auf denen Feste, Kleinkunst, Konzerte, Märkte und andere Ereignisse stattfinden. Die hierzu notwendige Infrastruktur ist sparsam und kostet deshalb nicht viel Geld. Manchmal nutzen wir auch eine der neuen Multifunktionsgebäude im ehemaligen Industriegebiet, die zur Verfügung stehen, um Projekte im Bereich Selbstversorgung, Regionalvermarktung, Tausch, Handwerk, Kunst etc. durchzuführen …“

Davon gibt es im Jahr 2050 recht viele, weil sich der globale Güterverkehr halbiert hat, nachdem der Rohölpreis vor circa 30 Jahren auf über 250 Dollar gestiegen ist. Autobahnen und Flughäfen sind mit wenigen Ausnahmen geschlossen worden. Die asphaltierten und betonierten Flächen wurden entsiegelt, wo immer es möglich war. Der noch verbliebene Rest der Bauindustrie hat sich darauf spezialisiert, frühere Verkehrsflächen und Industriegebiete zurückzubauen. Dies schafft CO2- Senken und dringend benötigte Puffer für Hochwasser- und Starkregenereignisse. Wo der Rückbau nicht möglich war, wurden Photovoltaik- und Windkraftanlagen installiert. Hierzu sind Autobahnruinen besonders geeignet, weil die Energieversorgung damit dezentralisiert wird.

In manchen Fällen gelang es durch Auftragen einer entsprechend dicken Mutterbodenschicht, Straßen, Flughäfen, Gewerbeflächen und Parkplätze wieder zu begrünen und sogar in Gemeinschaftsgärten zu verwandeln. Zu diesem Zweck wurden ehemalige Planungszuständigkeiten in Abwicklungs- und Konversionseinrichtungen umgewandelt. Manche der alten Industriegebiete wurden nicht zurück-, sondern lediglich umgebaut. Hier haben sich viele kleine Unternehmen niedergelassen, die dem Handwerk, der Dienstleistungs- und Kreativitätsbranche zuzurechnen sind. Die hier erzielte Wertschöpfung basiert oftmals auf Konzepten des Eco-Designs und der Kreislaufwirtschaft, um die Hinterlassenschaften, überflüssigen Produkte und materiellen Artefakte, die aus der zurückliegenden Phase des Überkonsums stammen, als Ressourcenquelle zu nutzen.

Was hat sich noch geändert seit 2010? Jedem Bürger steht ein zeitlich und interpersonal übertragbares Kontingent von zwei bis drei Tonnen an CO2-Äquivalenten zu. Die verbliebenen Unternehmen hatten längst damit begonnen, ihre Waren und Services entsprechend zu kennzeichnen, so dass die individuelle CO2-Bilanzierung ein Kinderspiel ist. Weiterhin fördert die Stadtverwaltung eine Reduktion und Umverteilung der Arbeitszeit. Sie geht nicht nur innerhalb städtischer Betriebe mit gutem Beispiel voran, sondern nutzt diverse Anreizinstrumente mit dem Ziel, dass jeder Bürger maximal nur 20 Stunden an monetär entgoltener Arbeitszeit leistet. Auf diese Weise konnte die ARGE abgeschafft werden.Stattdessen existiert in jedem Stadtteil ein so genanntes Kreativzentrum. Hier können Menschen, die trotz alledem noch ohne 20-Stunden-Job sind, auf freiwilliger Basis eine Tätigkeit vermittelt werden, für die ein angemessenes Bürgergeld gezahlt wird.

Zudem wurden Komplementärwährungen eingeführt. Sie haben den Vorteil, Kaufkraft an die jeweilige Region zu binden (vgl. Kennedy/Lietaer 2004). Schon im Jahr 2010 existierten in Deutschland etwa 27 solcher Projekte, von denen der „Chiemgauer“ das erfolgreichste war. Auch nach Abschöpfung aller Suffizienz- und Selbstversorgungspotenziale verbleiben schließlich Konsumbedarfe, die durch eine arbeitsteilige, aber deglobalisierte Regionalökonomie abgedeckt werden können. Regiogeld vereinfacht die Nutzung regionaler Märkte mit verkürzten Wertschöpfungsketten bis hin zu Konzepten wie „Community Supported Agriculture“ (CSA)2 für all jene, die nicht mittels eigener oder Gemeinschaftsgärten versorgt werden können.

Das Regiogeld ist durch eine zinslose Umlaufsicherung gekennzeichnet. Damit trägt es zur Minderung jenes  Wachstumszwangs bei, der dem globalen Geld- und Zinssystem innewohnt. Inzwischen wird das gesamte europäische Gebiet von derartigen Regios abgedeckt. Dies wurde zwecks Versorgungssicherheit notwendig, nachdem im Gefolge der Griechenland-, Portugal- und Spanienkrise der Euro als Hauptwährung in bis dato ungeahnte Turbolenzen geriet. Was sich im Jahr 2050 auch herausgestellt hat: Ein Zurück in die Steinzeit bedeutet die Kombination von Suffizienz und urbaner Subsistenz keineswegs.

Die auf globaler Spezialisierung und Geldwirtschaft beruhende Fremdversorgung wurde zwar auf eine maßvolle Restgröße reduziert, bietet aber innerhalb dieses Rahmens weiterhin ein Handlungsfeld für unternehmerisches Agieren und den – sparsamen – Umgang mit Konsumgütern. Materielle Selbstverwirklichungsansprüche, die sich nicht entrümpeln oder durch regionale Versorgungsstrukturen substituieren lassen, werden weiterhin innerhalb des Fremdversorgungssystems befriedigt – jedoch als Restgröße und im Rahmen individueller CO2- Kontingente.

Die damit korrespondierenden Produkte und Infrastrukturen lassen sich über noch weitgehend unausgeschöpfte Möglichkeiten der Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung dergestalt optimieren, dass ohne zusätzliche materielle Produktion – von „stofflichen Nullsummenspielen“ (Paech 2005) ist hier die Rede – Werte geschaffen werden. Auf diese Weise wurde der auf Geldwirtschaft und industrieller Arbeitsteilung basierende Komplex nicht nur erheblich verkleinert, sondern so umgestaltet, dass die  Neuproduktion von Gütern, die viel langlebiger und reparaturfreundlicher sind, eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Der Fokus liegt auf dem Erhalt, der Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände und Infrastrukturen, etwa durch Renovation, Konversion, Optimierung, Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung. Das gilt auch für den Gebäudebestand, der durch umfangreiche Sanierungsprogramme inzwischen fast Passivhausstandard erreicht hat. Das spart Emissionen und Geld … Es geht recht entspannt zu im Jahr 2050.

 

1 So lautete ein Schwerpunktthema der Fachzeitschrift „Politische Ökologie“ (Ausgabe 119, März 2010).

2 Ein eindrucksvolles Beispiel dafĂĽr, wie CSA in Deutschland funktioniert, findet sich unter: http://www.entrup119.de

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