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Artikelinformationen:

Veröffentlicht am:
16. Januar 2014
Autor(en) des Artikels:
Dr. Christa MĂĽller und Prof. Dr. Niko Paech

Suffizienz & Subsistenz (Teil 2)

 

Wege in eine Postwachstumsökonomie
am Beispiel von »Urban Gardening«

Die drei genannten Outputkategorien der modernen Subsistenz (Gemeinschaftsnutzung, Nutzungsdauerverlängerung und Eigenproduktion von Gütern) zielen zwar darauf, ein prägnant zurückgebautes Industriesystem zu ergänzen und dessen vormaligen Output teilweise zu substituieren, stellen jedoch zugleich eine synergetische Verbindung zu industriellen Artefakten her. Selbst die von industrieller Spezialisierung weit entfernte Subsistenzpraxis, etwa das Urban Gardening, ist in einen globalisierten urbanen Kontext eingebettet. Dies gilt umso mehr für die beiden anderen Outputvarianten, nämlich Nutzungsintensivierung und Nutzungsdauerverlängerung. Schließlich bleiben es Objekte aus arbeitsteiliger Industrieproduktion, deren Nutzung durch Hinzufügung eigener Subsistenzinputs verlängert, intensiviert oder auf andere Weise aufgewertet wird. Bei diesen Subsistenzinputs handelt es sich um marktfreie Güter:

  • Eigene Zeit, die aufgewendet werden muss, um handwerklich oder kĂĽnstlerisch tätig zu sein und Austauschbeziehungen im sozialen Umfeld pflegen zu können;

  • handwerkliche Kompetenzen und Improvisationsgeschick, um Potenziale der Eigenproduktion und Nutzungsdauerverlängerung auszuschöpfen;

  • soziale Beziehungen, ohne die Gemeinschaftsnutzungen undenkbar sind.

Subsistenz resultiert aus einer Kombination mehrerer Input- und Outputkategorien. Angenommen, Person A lässt sich ein defektes Notebook von Person B, die über entsprechendes Geschick verfügt, reparieren und überlässt ihr dafür Bio-Möhren aus dem Gemeinschaftsgarten, an dem sie beteiligt ist. Dann gründet diese Transaktion erstens auf sozialen Beziehungen zwischen A und B sowie zwischen B und den anderen Nutzern des Gemeinschaftsgartens, zweitens auf handwerklichen Kompetenzen (A: Gemüseanbau; B: defekte Festplatte erneuern und neues Betriebssystem installieren) und drittens auf eigener Zeit, ohne die beide manuelle Tätigkeiten nicht erbracht werden können. Die Outputs erstrecken sich auf Eigenproduktion (Gemüse), Nutzungsdauerverlängerung (Reparatur des Notebooks) und Gemeinschaftsnutzung (Gartengemeinschaft).

Selbstredend sind auch Subsistenzhandlungen praktikabel, die keiner vollständigen Ausschöpfung der oben genannten Input- und Outputtypen bedürfen. Wer seinen eigenen Garten bewirtschaftet, die Nutzungsdauer seiner Textilien durch eigene Reparaturleistungen steigert oder seine Kinder selbst betreut statt eine Ganztagsbetreuung zu »konsumieren«, nutzt keine sozialen Beziehungen, wohl aber Zeit und handwerkliches Können. Die Outputs erstrecken sich in diesem Beispiel auf Nutzungsdauerverlängerung und Eigenproduktion.

Insoweit Subsistenzkombinationen im obigen Sinne Industrieoutput ersetzen, monetäres Einkommen ersparen, jedoch eigene Zeitinputs benötigen (die wiederum infolge der Reduktion industrieller Produktion freigesetzt werden), lässt sich die Transformation zur Postwachstumsökonomie als gelungene Synchronisation von Industrierückbau und Subsistenzaufbau darstellen.

Urban Gardening

Wie immer bei Prozessen gesellschaftlicher Transformation stellt sich die Frage nach den Akteuren. Der Weg in eine Postwachstumsökonomie wird mit einem erheblichen zivilisatorischen Wandel vonstattengehen. Die Gesellschaft der Zukunft wird keine Konsumgesellschaft des alten Schlages mehr sein können. Die unvermeidlichen materiellen Wohlstandsverluste offerieren dennoch Perspektiven; jedoch nur dann, wenn sie von neuen Wohlstandsmodellen, einer gerechten Umverteilung sowie von Partizipations- und Demokratisierungsprozessen begleitet werden. Der Staat müsste dafür eine seiner ureigensten Aufgaben wahrnehmen, nämlich als Garant der Daseinsfür- und -vorsorge die öffentlichen Räume von Partikularinteressen freihalten und die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger ermöglichen.

Subsistenzorientierte Nachhaltigkeitsstrategien benötigen mehr als Anerkennung, nämlich infrastrukturelle und rechtliche Voraussetzungen, zum Beispiel die Bereitstellung von Grund und Boden, damit sich ihre Potenziale für eine zukunftsfähige Entwicklung entfalten können. Eine radikale Umsteuerung der Politik ist nötig, um weitere soziale Härten und ökologische Verwerfungen zu verhindern.

Die nach wie vor vorhandene Orientierung an der Hegemonie des globalen (Finanz-)Marktes lässt derzeit jedoch nicht darauf hoffen, dass die notwendigen Schritte gegangen werden. An dieser Stelle bringt die Zivilgesellschaft eine weitaus größere »kollektive Intelligenz« hervor als die in Interessens- und Klientelkalküle hoffnungslos verstrickte Politik. Da nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern insgesamt das Institutionengefüge und seine tradierten Formen der Legitimität erodieren, werden selbst organisierte und selbstbestimmte Räume in Zukunft eine sehr viel wichtigere Rolle spielen als derzeit vorstellbar.17

Besonderes Augenmerk als Ort des Geschehens verdient der Nahraum – und zwar nicht nur auf dem Lande: In der Stadt haben sich in den letzten Jahren ganz neue Formen postmaterieller und postfossiler Lebensstile herausgebildet, die die anstehenden Veränderungen nicht mit Knappheit und Mangel, sondern mit einer Ökonomie der Fülle verbinden. Dabei spielt die neue Gartenbewegung mit ihren Kulturen des Selbermachens eine zentrale Rolle.18

Die neuen Gartenaktivitäten irritieren nicht nur den Blick auf die Stadt, wenn etwa auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof gemeinschaftlich Gemüse angebaut wird (www.allmende-kontor.de), sondern sie stellen auch sehr bewusst den ungenierten Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt in Frage. Zu beobachten ist, auch und gerade in den jüngeren Generationen, eine neue Hinwendung zu ethischen Diskursen. Die industrielle Landwirtschaft mit ihrer gnadenlosen Ausbeutung von Tieren und Ressourcen des globalen Südens wird mit wachsender Abscheu beobachtet. Die Trendforschung verweist darauf, dass mehr und mehr Großstadtbewohner/innen die globalen Verwertungsketten ablehnen und lieber selbst anbauen, selbst kochen und eine neue Genießer-Esskultur zelebrieren wollen.

GemĂĽsekorb

Ökokisten mit landwirtschaftlichen Produkten aus der Stadt gelten in New York gerade als die »neuen i-Pods« und hausgemachte Marmelade als unverzichtbares »Must Have«. Die Süddeutsche Zeitung zitiert eine Bloggerin der neuen Bewegung der »Foodies«, die über Twitter und Facebook illegale »Supper Clubs« organisiert, bei denen mehrtägige Menüs in Privathäusern zubereitet werden: »Supper Clubs geben uns die Kontrolle zurück – wir holen uns den Spaß an hervorragendem Essen in gutem Ambiente von profitorientierten Restaurants zurück.«19

Dieser Hedonismus geht einher mit einer neuen Sensibilität für den fairen Umgang mit Menschen anderer Länder und mit den Gemeingütern. Die Sensibilitäten werden in den neuen urbanen Gärten geweckt und geschärft. Beim Säen und Ernten stößt man irgendwann zwangsläufig auch auf Fragen wie: Wem gehört das Land und wer erntet seine Früchte? In diesem Sinne ist die neue Gartenbewegung tatsächlich subversiv. Oft wird gegen sie vorgebracht, dass das Urban Gardening eine Stadt niemals ernähren könne. Abgesehen davon, dass dies noch nicht ausgemacht ist, geht es darum auch (vorläufig) gar nicht. Die Bedeutung der Gartenbewegung liegt vielmehr in der Wertschätzung der kleinbäuerlichen und der Subsistenzproduktion sowie in der Erfahrung und Einübung einer Logik, die nicht auf Verwertung, sondern auf Versorgung ausgerichtet ist. Urban Gardening ist auch Plattform und Erfahrungsraum der Erkenntnis, dass die Nahrungsmittelfrage eine zentrale gesellschaftliche Frage ist, im Übrigen eine, die keineswegs »gelöst« ist.

Sie macht vielmehr deutlich, dass die Versorgung mit den lebensnotwendigen Dingen nicht mehr länger an die Industrie oder den Markt delegiert werden sollte, sondern dass stattdessen ganz neue Koalitionen zwischen Zivilgesellschaft und Gemeinwesen beginnen sollten, sich mit den grundlegenden Fragen der Existenz zu befassen und Schnittstellen zwischen kultureller, sozialer und ökonomischer Produktivität als wirkliches Zukunftspotenzial zu entdecken. Urbane Gärten und andere Orte der Subsistenzorientierung liefern hier jede Menge kreative, visionäre und alltagstaugliche Anregungen.

Folgerungen & Forderungen

Das zeitgenössische, am Wachstum orientierte Konsummodell ist in Zeiten von Klimawandel und globaler Ressourcenverknappung nicht zukunftsfähig. Erforderlich ist ein prägnanter Rückbau des gesamten Industriesystems mit seinem hohen Rohstoff- und Energieverbrauch. Industrierückbau und Subsistenzaufbau müssen synchron verlaufen.

Unvermeidliche materielle Wohlstandsverluste eröffnen nur dann attraktive Perspektiven für die Betroffenen, wenn sie zugleich von partizipativen, sozial gerechteren und ökologisch tragfähigen Wohlstandsmodellen begleitet werden.

Moderne Subsistenz ersetzt einen Teil der industriellen Produktion durch Gemeinschaftsnutzung, die Verlängerung der Nutzungsdauer von Gütern und durch Eigenproduktion. So entstehen »resiliente« Versorgungsmuster, die auf Kleinräumigkeit, Dezentralität, Flexibilität und Vielfalt basieren. Der urbane wie regionale Nahraum erfährt dadurch eine ökonomische wie soziale Aufwertung. Urbane Gärten sind eine wichtige Keimzelle für eine auf Subsistenz und Suffizienz basierende Postwachstumsökonomie und ein gesellschaftliches Experimentierfeld für neue Formen postmaterieller und postfossiler Lebensstile.

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Anmerkungen:

  • Vgl. C. Crouch: Postdemokratie. Frankfurt am Main 2008.
  • Vgl. Chr.MĂĽller (Hg.): Urban Gardening. Ăśber die RĂĽckkehr der Gärten in die Stadt. MĂĽnchen 2011.
  • SĂĽddeutsche Zeitung vom 28./29. August 2010.

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  • Dr. Christa Muller Soziologin und geschäftsfĂĽhrende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis sowie der Stiftung Interkultur. ---------------------------------------------------------------------------------------- apl. Prof. Dr. Niko Paech Ă–konom und zur Zeit Vertreter des Lehrstuhls fĂĽr Produktion und Umwelt (PUM) an der Universität Oldenburg. Seit 2010 Vorsitzender der Vereinigung fĂĽr Ă–kologische Ă–konomie (VĂ–Ă–) e.V.


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