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Artikelinformationen:

Veröffentlicht am:
2. Januar 2014
Autor(en) des Artikels:
Dr. Christa MĂĽller und Prof. Dr. Niko Paech

Suffizienz & Subsistenz (Teil 1)

 

Wege in eine Postwachstumsökonomie
am Beispiel von »Urban Gardening«

Das Wachstumsparadigma hat seinen Glanz verloren. Stetig steigender Konsum und die einseitige Orientierung an den Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts führen unsere Gesellschaft in eine Wachstumsfalle. Angesichts des Klimawandels und der zunehmenden Verknappung zentraler Ressourcen wie dem Erdöl sowie des implodierenden Finanzkapitalismus gilt es, neue Wohlstandskonzepte zu entwerfen, die nicht auf materiellem Wachstum, steigendem Konsum und weiterem Verbrauch von Ressourcen gründen. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche (Selbst-)Versorgungsstrategien die Stabilität unserer Gesellschaft auf Dauer garantieren können. – Der nachfolgende Beitrag eines Ökonomen und einer Soziologin befasst sich mit der Notwendigkeit und den ersten Umrissen einer »Postwachstumsökonomie«, die auf die Stärkung lokaler und regionsbezogener Wirtschaftskreisläufe setzt. Gefordert ist ein tiefgreifender Wandel unseres Konsumstils, der sich an den »Leitsternen« der Suffizienz und Subsistenz orientiert (weniger/anders konsumieren und mehr selber machen). Gemeinschaftsnutzung, die Verlängerung der Nutzungsdauer von Gütern sowie Eigenproduktion können dabei weiträumige industrielle Wirtschaftsketten ersetzen und neue ökonomische und soziale Qualitäten in Stadt und Land schaffen. Gerade die Gemeinschaftsnutzung durch lokale und regionale Kooperation erhöht die Möglichkeiten der Re-Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen.

Bis heute gilt gemeinhin wirtschaftliches Wachstum als Garant für Wohlstand und sozialen Frieden in unserer Gesellschaft. Auch jetzt, in der akuten Krise der Finanzmärkte und inmitten der enormen Verschuldung der öffentlichen Haushalte, wird alle Hoffnung auf neues Wachstum gesetzt – so sehr, dass die Politik sich sogar ein »Wachstumsbeschleunigungsgesetz« ausgedacht hat. Eine immerhin kreative Wortschöpfung, die gleich zwei Fetische unserer Gesellschaft, nämlich Beschleunigung und Wachstum, benennt und ihnen sozusagen die höheren Weihen eines Bundesgesetzes verleiht. Bis heute ist es jedoch – trotz aller Ankündigungen und technologischer Beschwörungen – nicht gelungen, wirtschaftliches Wachstum dauerhaft von einem erhöhten Ressourcen- und Energieverbrauch zu entkoppeln. Allein schon deshalb ist die Überwindung des Wachstumsparadigmas unumgänglich.

Wachstumsdämmerung

Weiteres Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) kann keine Option für das 21. Jahrhundert sein. Aus den zahlreichen Begründungszusammenhängen, die diese Erkenntnis untermauern, sollen im Folgenden nur die sozialen Pathologien eines auf großräumiger industrieller Arbeitsteilung beruhenden Fremdversorgungssystems hervorgehoben werden. Herannahende Ressourcenverknappungen, die sich keineswegs nur als »Peak Oil« äußern, verwandeln das zeitgenössische Konsummodell in ein einsturzgefährdetes Kartenhaus. Die industrielle Nahrungsmittelproduktion wird davon in besonderem Maße tangiert, vor allem wegen ihrern hohen Abhängigkeit vom Öl. Technisch orientierte Nachhaltigkeitskonzeptionen suggerieren, die fossile Abhängigkeit sei mittels smarter Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien, Informationstechnologien, Elektromobilität etc. zu überwinden. Aber der damit forcierte Bedarf an Flächen und seltenen Erden bzw. Metallen würde bestenfalls dazu verhelfen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Als eine mögliche Antwort wird das Konzept der »Resilienz« diskutiert.1 Es beschreibt Stabilitätseigenschaften eines Systems gegenüber äußeren Störgrößen, die dessen Fortbestand oder bestimmte seiner Funktionen andernfalls gefährden. Resiliente Versorgungsmuster beruhen auf Kleinräumigkeit, Dezentralität, Flexibilität und Vielfalt. Dies impliziert stärkere Unabhängigkeit von externen Versorgungsleistungen, kürzere Wertschöpfungsketten und folglich eine tendenzielle Minderung struktureller Wachstumszwänge. Je weitreichender Konsumbedarfe in Subsistenzleistungen transformiert oder gar durch suffiziente Handlungsroutinen2 ersatzlos reduziert werden können, desto größere Potenziale eines geordneten (andernfalls infolge des Peak Oil-Phänomens ohnehin unumgänglichen) Rückbaus der industrialisierten Arbeitsteilung ergeben sich daraus. So ergänzen sich Suffizienz und Subsistenz (nebst verwandter Mittel und Strategien) zu einem resilienten Gestaltungsrahmen für eine »Postwachstumsökonomie«.3

Eine Rückführung der in Geld transferierten industriellen Wertschöpfung auf die Hälfte des derzeitigen Niveaus kann geplant und schrittweise (»by design«) oder mit einem durch »Peak Everything«4 induzierten Kollaps (»by desaster«) erfolgen. In jedem Fall würde infolge verringerter bzw. zusammenbrechender Produktionskapazitäten ein ebenso verringertes Quantum an monetär entgoltener Arbeitszeit verfügbar sein. Soziale Sicherungssysteme in Form staatlicher Transferleistungen, die schon jetzt an ihre Grenzen stoßen, würden in einer derartigen Situation möglicherweise vollends versagen. Eine Möglichkeit der Nivellierung sozialer Härten bestünde in einer Umverteilung der verbleibenden Arbeitszeit auf ein individuell durchschnittliches Quantum von circa 20 Stunden. Der frei gewordene Teil an ehemals industriell verausgabter Erwerbsarbeit könnte ergänzenden Subsistenzleistungen dienen.

Moderne Subsistenz

Zwischen den Extremen lokaler Subsistenz und globaler Verflechtung existiert ein reichhaltiges Kontinuum unterschiedlicher Fremdversorgungsgrade. Deren punktueller oder gradueller Abbau setzt voraus, die Distanz zwischen Verbrauch und Produktion zu verringern. Im Kontext einer Postwachstumsökonomie ist »urbane Subsistenz«5 also keine Frage des Entweder-oder, sondern des Mehr-oder-weniger. Sie entfaltet ihre Wirkung im unmittelbaren sozialen Umfeld, also auf kommunaler oder regionaler Ebene6, und basiert auf der (Re-)Aktivierung von Kompetenzen, manuell und kraft eigener handwerklicher Tätigkeiten den Bedürfnissen jenseits kommerzieller Märkte zu entsprechen. Subsistenzleistungen verringern die Abhängigkeit von einem monetären Einkommen. Neben ehrenamtlichen, gemeinwesenorientierten, pädagogischen und künstlerischen Betätigungen kann moderne Subsistenz drei Outputkategorien erzeugen, die zur Substitution industrieller Produktion beitragen.

1. Gemeinschaftsnutzung:

Kinderhände

Wer sich einen Gebrauchsgegenstand vom Nachbarn leiht, ihm als Gegenleistung ein Brot backt oder das neueste Linux-Update installiert, trägt dazu bei, materielle Produktion durch soziale Beziehungen zu substituieren. Objekte wie Autos, Waschmaschinen, Gemeinschaftsräume, Gärten, Winkelschleifer, Digitalkameras etc. sind auf unterschiedliche Weise einer Nutzungsintensivierung zugänglich. Sie können gemeinsam angeschafft werden oder sich im privaten Eigentum einer Person befinden, die das Objekt im Tausch gegen andere Subsistenzleistungen verfügbar macht. Auch die Institution sogenannter »Commons« (Gemeingüter)7 kann in manchen Fällen geeignet sein.

2. Nutzungsdauerverlängerung:

Hammer_und_Nagel

Ein besonderer Stellenwert käme der Pflege, Instandhaltung und Reparatur von Gütern jeglicher Art zu. Wer durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Improvisationsgeschick die Nutzungsdauer von Konsumobjekten erhöht (zuweilen reicht schon die achtsame Behandlung, um den frühen Verschleiß zu vermeiden), substituiert materielle Produktion durch eigene produktive Leistungen, ohne notwendigerweise auf bisherige Konsumfunktionen zu verzichten. Angenommen, es gelänge in hinreichend vielen Gebrauchsgüterkategorien die Nutzungsdauer der Objekte durch eigene oder mittels lokaler Tauschbeziehungen akquirierte Inputs an Erhaltungsmaßnahmen und Reparatur durchschnittlich zu verdoppeln, dann könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden. So würde ein Rückbau der Industriekapazität mit einem nur geringen Verlust an bisherigen Konsumfunktionen einhergehen.

3. Eigenproduktion:

Eigenanbau

Ausgerechnet jener Versorgungsbereich, dessen Kollaps unweigerlich zur Überlebensfrage würde, verkörpert durch seine exorbitant hohe Mineralölabhängigkeit geradezu das Gegenteil von Resilienz: Ernährung. Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten, Dachgärten, Gemeinschaftsgärten und andere Formen der urbanen Landwirtschaft und des urbanen Gärtnerns8 als derzeit dynamischer und ausbaufähiger Trend. Dieses Handlungsfeld ist auch deshalb elementar, weil konventionelle Wertschöpfungsketten im Agrar- bzw. Lebensmittelsektor derart schwerwiegende ökologische Schädigungen hervorrufen, dass jede auch nur teilweise Substitution entsprechende Entlastungseffekte zeitigt. Darüber hinaus sind künstlerische und handwerkliche Leistungen möglich, die von der kreativen Wiederverwertung ausrangierter Gegenstände über Holz- oder Metallobjekte in Einzelfertigung bis zur semi-professionellen »Marke Eigenbau«9 reichen.

Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Offene Werkstätten, Verschenkmärkte und »Transition Towns«10 sind nur einige Beispiele dafür, dass lokal erbrachte Leistungen über den Eigenverbrauch hinaus einen Leistungstausch auf lokaler Ebene erlauben. Dies gilt erst recht für lokal erzeugte Güter in Form von Services wie etwa Vorträge, Unterricht, Schulungen, Beratungen, künstlerische Darbietungen, Pflegeleistungen etc. Der Schritt zur Vermarktung von Handwerksprodukten zum Beispiel über »eBay«, »Etsy« wirft allerdings die Frage auf, ob die ausgerufene »Revolution des Selbermachens«11 nicht letztlich wieder strukturelle Wachstumstreiber wachruft. Dass nennenswerte Investitionen und damit Kapitalbeschaffung in diesem Segment nicht notwendig sind, lässt allerdings hoffen.

Werden die drei Outputkategorien je nach individuellen Neigungen, Fähigkeiten und Umfeldbedingungen kombiniert, bilden sie einen reichhaltigen Fundus, aus dem sich Ergänzungen des in einer Postwachstumsökonomie deutlich verringerten monetären Einkommens schöpfen lassen. Wenn Konsumobjekte doppelt so lange und/oder doppelt so intensiv genutzt werden, reicht die Hälfte an industrieller Produktion, um dasselbe Quantum an Konsumfunktionen oder »Services«, die diesen Gütern innewohnen, zu extrahieren. Diese Auslegung von moderner Subsistenz bildet trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten zum Effizienzdiskurs, prominent verkörpert durch den »MIPS«-Ansatz12 oder die »Service Economy«13, eher dessen Widerpart. Warum?

Erstens beruhen die Entlastungseffekte der obigen Subsistenzformen nicht auf einer ökologischen Entkopplung industrieller Arbeitsteilung, sondern setzen den Rückbau des Industriesystems voraus. Zweitens sind es hier weder etablierte Firmen noch »Ecopreneure«14, die als Anbieter eigentumsersetzender Services (z.B. Carsharing, Leasing-Modelle, kommerzielle Verleihsysteme) letztlich das Fremdversorgungsregime – wenngleich auf Basis erhöhter Nutzeneffizienz – aufrechterhalten. Vielmehr sind es die Nutzer selbst, welche durch den allmählichen Wandel vom Konsumenten zum »Prosumenten«15 oder »Co-Producer«16 die ökonomische Souveränität erlangen, kraft eigener substanzieller, manueller und sozialer Kompetenzen Industrieoutput zu ersetzen. Insoweit die damit einhergehende Entkommerzialisierung das Tauschmittel Geld nicht verwendet, weil die Subsistenzleistungen im lokalen Nahraum entstehen, können Wertschöpfungsbeziehungen eine bestimmte Länge und Komplexität nicht überschreiten. Zudem benötigen derartige Prozesse keine oder nur vernachlässigbare Investitionen, also auch kein Fremd- und Eigenkapital. Folglich mildern sie strukturelle Wachstumszwänge.

Fortsetzung folgt.

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Anmerkungen:

  • Vgl. R. Hopkins: The Transition Handbook. Dartington 2006.
  • Vgl. N. Paech: Nach dem Wachstumsrausch: Eine zeitökonomische Theorie der Suffizienz. In: Zeitschrift fĂĽr Sozialökonomie 47/166-167 (2010), S. 33–40. – O. Stengel: Suffizienz – Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise (Wuppertaler Schriften Band 1). MĂĽnchen 2011.
  • Vgl. N. Paech: Postwachstumsökonomie – ein Vademecum. In: Zeitschrift fĂĽr Sozialökonomie 46/160–161 (2009), S. 28–31.
  • R. Heinberg: Peak Everything. Gabriola Island 2007.
  • D. Dahm und G. Scherhorn: Urbane Subsistenz. MĂĽnchen 2008.
  • Vgl. N. Paech und B. Paech: Suffizienz plus Subsistenz ergibt ökonomische Souveränität. In: Politische Ă–kologie 124 (2011), S. 54–60.
  • Vgl. E. Ostrom: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der GemeingĂĽter. MĂĽnchen 2011.
  • Vgl. Chr.MĂĽller (Hg.): Urban Gardening. Ăśber die RĂĽckkehr der Gärten in die Stadt. MĂĽnchen 2011.
  • H. Friebe und T. Ramge: Marke Eigenbau. Frankfurt am Main/New York 2008.
  • Hopkins (siehe Anm. 1).
  • Friebe und Ramge (siehe Anm. 9), S. 16.
  • F. Schmidt-Bleek: Das MIPS-Konzept. Weniger Naturverbrauch – mehr Lebensqualität durch Faktor 10. MĂĽnchen 2000.
  • W. Stahel: Sustainability and Services In: M. Charter and U. Tischner (Eds.): Sustainable Solutions. Sheffield 2001, pp. 151–164.
  • U. Schneidewind und M. HĂĽbscher: Nachhaltigkeit und Entrepreneurship in der New Economy. In: T. Beschorner und R. Pfriem (Hrsg.): Evolutorische Ă–konomik und Theorie der Unternehmung. Marburg 2000, S. 419–436.
  • A. Toffler: The Third Wave. New York 1980.
  • P. Kotler: The Prosumer Movement: A New Challenge for Marketers. In: R. J. Lutz (Ed.): Advances in Consumer Research, Vol. 13 (1986), pp. 510–513.

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  • Dr. Christa Muller Soziologin und geschäftsfĂĽhrende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis sowie der Stiftung Interkultur. ---------------------------------------------------------------------------------------- apl. Prof. Dr. Niko Paech Ă–konom und zur Zeit Vertreter des Lehrstuhls fĂĽr Produktion und Umwelt (PUM) an der Universität Oldenburg. Seit 2010 Vorsitzender der Vereinigung fĂĽr Ă–kologische Ă–konomie (VĂ–Ă–) e.V.


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