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Artikelinformationen:

Veröffentlicht am:
29. November 2013
Autor(en) des Artikels:
Prof. Dr. Niko Paech

Ohne Weniger kein Mehr

 

Wer heute „grünes“ Wachstum propagiert, muss an mindestens zwei Wunder glauben: nämlich an die technische Entkopplung des Wohlstandes sowohl von ökologischen Schäden als auch von zunehmend knappen Ressourcen. Das trotz seiner Realitätsferne vorangetriebene Programm einer ökologischen Modernisierung beschwört überdies ein moralisches Problem herauf: Wie können wir das Schicksal der Menschheit zum Spielball von Fortschrittswellen machen, die noch gar nicht eingetreten sind und von denen sich nicht beweisen lässt, dass sie je eintreten werden, geschweige denn die benötigten Problemlösungen zu liefern imstande sind, statt sich am Ende nur als Verschlimmbesserung zu entpuppen? Bislang verursachten alle vermeintlich nachhaltigeren Technologien und Produkte nur zusätzliche Schäden, es sei denn, sie gingen mit Anspruchsreduktionen einher.

„Grünes“ Wachstum ersetzt Bescheidenheit

Der Versuch, zeitgenössische Konsum- und Mobilitätspraktiken mit der Brechstange klimaschonender Technologien aufrecht zu erhalten, entpuppt sich als unmöglich und endet dementsprechend ruinös, wenn dennoch daran festgehalten wird. So besteht die euphorisch besungene „Energiewende“ schlicht darin, atomare Anlagen durch den Bau gigantischer Kohlekraftwerke zu ersetzen und obendrein einen Amoklauf gegen den Rest an halbwegs intakter Landschaft mit erhobenem Fukushima-Zeigefinger zu legitimieren: Windkraftparks, Pumpspeicherkraftwerke, Biogasanlagen, Energiemais, Palmölplantagen in Asien, Photovoltaik- Freiflächenanlagen sowie neue Stromtrassen zerstören nun, was bisherige Industrialisierungsanstürme ausgelassen haben. Und warum das alles?

Weil Einsparungen oder bescheidenere Bedarfsausformungen nach amtlicher Green New Deal-Rhetorik als unzumutbar gelten. Schließlich dürfe man die Menschen nicht verschrecken oder überfordern, sondern müsse sie „dort abholen, wo sie stehen“.

Aber für die Abholung von der Karibikküste oder zur Exkursion nach Afrika ist absehbar kein klimaverträgliches Transportmittel denkbar. Flugreisen haben sich längst zum Klimakiller mit den turbulentesten Zuwachsraten gemausert; es vergeht kein Jahr ohne neuen Rekord an Flugreisen. Und das, obwohl eine einzelne Person auf legalem Wege durch nichts anderes höhere Klimaschäden verursachen könnte. Eine Flugreise, inklusive Rückflug, nach New York verursacht pro Person durchschnittlich etwa 4,2 Tonnen, nach Australien sind es etwa 14,5 Tonnen CO2. Die Zunahme dieser ökologischen Schadensmaximierung ist dem Umstand geschuldet, dass sowohl private als auch berufliche Praktiken auf fortschreitender räumlicher Entgrenzung beruhen.

Mobilitätsgier ohne Grenzen

Die Demokratisierung des Wohlstandes hat nicht nur eine konsum-, sondern auch eine mobilitätsgierige Masse hervorgebracht. Gute Gründe finden sich immer. Mal ist es der Job, mal die Urlaubsfernreise – selbst die Erholung von der stressigen Dauermobilität wird am Ende in einen neuen Mobilitätsbedarf umgemünzt – und oft ist es ein kruder Weltrettungsinstinkt. Nicht wenige Globalisierungskritiker, die zwischen Seattle, Heiligendamm, Davos und dem nächsten Weltsozialforum pendeln, um für die gute Sache einzutreten, sind selbst so globalisiert, dass sie einen Mengenrabatt auf Flugtickets verdient hätten. Auch die Schöpfer des Bologna-Prozesses scheinen mit der Flugindustrie auf gutem Fuß zu stehen. Das Auslandssemester, das Praktikum in Übersee, die für eine Abschlussarbeit dringend notwendige Feldforschung in Südafrika etc. verwandeln das Bildungssystem unter dem Vorwand der interkulturellen Kompetenz in eine Bildungsindustrie, zumindest gemessen am Kerosininput. Hochschullehrer mutieren zu Außenpolitikern, denn die Teilnahme an internationalen Konferenzen bringt mehr Reputation als die Sprechstunde im Uni-Büro. Die vielen Handlungsreisenden in Sachen internationale Zusammenarbeit bilden seit langem ein besonderes Kapitel.

Was für ein Witz: Heerscharen von Entwicklungsexperten und Gutmenschen, die sich vor der eigenen europäischen Haustür immer weiter von einer zukunftsfähigen Entwicklung entfernen, schwärmen aus, um in Afrika, Asien und Lateinamerika für die Nachhaltigkeits-Alphabetisierung zu sorgen. Liegt es nicht auf der Hand, dass sich die Zielgruppen eher von den unweigerlich mitgelieferten Wohlstandspraktiken der europäischen Helfer als den hehren Entwicklungsintentionen beeindrucken lassen?

Den Afrikanern nahe bringen zu wollen, die Fehler der europäischen Konsum- und Mobilitätskultur nicht zu wiederholen, ist an Verlogenheit kaum zu überbieten, solange die Europäer nicht selbst einen globalisierungsfähigen Lebensstil vorführen. Wenn die Afrikaner hingegen zur nachholenden Entwicklung im Sinne europäischer Maßstäbe befähigt werden sollen, wäre das zwar „ehrlich“, dafür aber umso verantwortungsloser, denn dazu wären einige zusätzliche Planeten nötig. Vielleicht geht es doch eher um eine Art pazifistisches Kreuzrittertum oder das Ausleben letzter Abenteuer, die eine moderne „Bequemokratie“ noch ermöglicht.

RĂĽckkehr zum MaĂźvollen

Was wäre die Alternative? Sie bestünde in der Rückkehr zum „menschlichen Maß“ – so drückten sich Leopold Kohr und Friedrich Schumacher seinerzeit aus – als Synonym für die Einhegung räumlicher Entgrenzung. Unausweichlich wird damit die Frage, innerhalb welcher materiellen Grenzen sich individuelle Selbstverwirklichung so entfalten könnte, dass sie verantwortbar ist. Das naheliegende Kriterium der räumlichen und zeitlichen Übertragbarkeit eines Lebensstils erinnert an den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant. Demnach dürfte jeder Mensch durchschnittlich ein Quantum an ökologischen Ressourcen verbrauchen, von dem sich sagen lässt, dass dann, wenn alle anderen Erdbewohner sich ähnlich verhalten, die irdische Tragekapazität dauerhaft erhalten werden kann.

So angreifbar diese Gerechtigkeitsvorstellung auch sein mag, alle Gegenvorschläge dürften sich nur noch schwieriger begründen, geschweige denn den Menschen in Asien, Afrika oder Lateinamerika vermitteln lassen. Würde diese Logik auf den Klimaschutz angewandt, ergäbe sich nach Auffassung des Wissenschaftlichen Beirates für Globale Umweltveränderungen (WBGU) eine individuelle CO2-Menge von circa 2,7 Tonnen pro Jahr, zumindest bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen. Nur so, wenn überhaupt, ließe sich das Zwei-Grad-Klimaschutz-Ziel der EU erreichen. In Deutschland beläuft sich dieser Wert momentan auf durchschnittlich knapp 11 Tonnen. Würde er auf Basis derjenigen erhoben, die mindestens eine Flugreise pro Jahr zurücklegen, wäre er noch viel höher. Die Alternative zu entgrenzten und somit ruinösen Daseinsformen bedeutet zugleich eine Rückkehr zur Sesshaftigkeit. Denn ein CO2-Budget von 2,7 Tonnen lässt keine großen Sprünge zu. Die überhandnehmende globale Mobilität wäre damit genauso unvereinbar wie eine Aneignung von Gütern, zu deren Erzeugung entfernt liegende Ressourcenquellen, Flächen und Arbeitskräfte ausgeschöpft werden. Eine ökologische Wiedereinbettung von Lebensstilen und Güterproduktion setzt nicht nur verkürzte Wertschöpfungsketten, also eine geringere Distanz zwischen Verbrauch und Herstellung, sondern auch Technologien mit kürzerer Reichweite voraus.

Reduzieren und sparen

Friedrich Schumacher hat den Begriff der „mittleren Technologie“ geprägt. Von Ivan Illich stammt das Konzept der „konvivialen Technologie“. Grob vereinfacht handelt es sich dabei um Hilfsmittel, welche zwar die Produktivität menschlicher Arbeitskraft erhöhen, diese aber nicht ersetzen, also vergleichsweise arbeitsintensiv sind, dafür aber umso weniger Energieträger, Fläche und Kapital benötigen. Dies ginge mit einem geringeren Grad an Spezialisierung einher, so dass anstelle von „Energiesklaven“ – also mechanisierten, elektrifizierten, digitalisierten und automatisierten Apparaturen – und der Aneignung entfernter Ressourcen mehr handwerkliche Arbeitsleistung vor Ort genutzt würde. Natürlich wären weiterhin Industrieprodukte und konventionelle Verkehrsmittel nötig, aber nur als Ergänzung in deutlich reduzierten Quantitäten und innerhalb der genannten materiellen Grenzen. Flugreisen wären ein äußerst sparsam zu dosierendes Instrument der Fortbewegung. Wer fliegen will, müsste die dadurch verursachten Emissionen durch nicht ausgeschöpfte CO2-Budgetanteile über einige Jahre hinweg ansparen oder von anderen Personen delegiert werden, die hinreichende Anteile ihrer eigenen Budgets zur Verfügung stellen.

Wer die Einhaltung eines individuellen, höchstens 2,7 Tonnen umfassenden CO2-Budgets ablehnt, kann entweder keinen Klimaschutz oder keine globale Gerechtigkeit wollen. Ein entwicklungsoder bildungspolitischer Zweck, der jedes kerosinträchtige Mittel heiligt, dürfte an seiner eigenen Heuchelei scheitern. Anstelle pädagogischer Anmaßung, mit der ausgerechnet europäische Weltzerstörer ihren globalen Mitbürgern die bessere Welt erklären wollen, kann Entwicklungskooperation nur als Kommunikationsaufgabe verstanden werden, aber die muss glaubhaft sein. Wer nicht im eigenen Verantwortungsbereich praktisch vorlebt, was er glaubt anderen vermitteln zu müssen, ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Quelle:
Niko Paech „Ohne Weniger kein Mehr“
In: Welthaus Bielefeld Info. Heft Mai bis Dezember 2012, Seite 6-7.

Aktualisiert am
 
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  • Niko Paech ist auĂźerplanmäßiger Professor fĂĽr Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg. Neben der Lehrtätigkeit mit Schwerpunkt Umweltökonomik und Nachhaltigkeitsforschung ist er auch erster Vorsitzender der Vereinigung fĂĽr Ă–kologische Ă–konomie (VĂ–Ă–) und wissenschaftlicher Beirat von ATTAC Deutschland.


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