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MGS3: Ein RĂŒckblick von Veronika Spielbichler
 

Macht Geld Sinn Energie – was jeder ĂŒber Geldsystem, Demokratie und Energiewende wissen sollte…

Wir leben in einer komplexen Welt in einer Zeit rasanter VerĂ€nderungen. Um diesen Wandel selbst aktiv und konstruktiv mitgestalten zu können, bedarf es als Basis einer fundierten Bildung und AufklĂ€rung ĂŒber HintergrĂŒnde und Wirkungsweisen unseres bestehenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systemes. Das Europa der Wissensgesellschaft nimmt der seit drei Jahren bestehende Verein Global Change Now e.V. ernst und arbeitet mit einem Netzwerk junger Aktivistinnen und Aktivisten durch die Organisation von Bildungsveranstaltungen daran, das notwendige Wissen zu vermitteln.

Nach dem Auftakt der Kongresswoche am Samstag, 9. MĂ€rz 2013, der Raum fĂŒr die Vorstellung von Jugend-Initiativen bot (Bericht hier), standen von Sonntag bis Donnerstag fĂŒnf Tage lang tĂ€glich drei Vortrags-Termine mit drei parallel gefĂŒhrten Referaten beziehungsweise Workshops am Programm, bei denen rund 30 ExpertInnen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Religion und der Zivilgesellschaft informierten und mit den KongressbesucherInnen diskutierten. Wenn auch einzelne geplante Referenten krankheitsbedingt absagten, blieb doch ein dichtes Programm bestehen, das abends durch Podiumsdiskussionen und ein hochkrĂ€tiges Kulturprogramm ergĂ€nzt wurde.

Namentlich waren folgende ReferentInnen in alphabetischer Reihenfolge beim Kongress: Fritz Andres, Helmut Creutz, Prof. Dr. Herta DĂ€ubler-Gmelin, Prof. Dr. Gunter Dueck, Hans-Josef Fell, Prof. Dr. Felix Fuders, Sven Giegold, Prof. Dr. Joseph Huber, Roman Huber, Marcel Keiffenheim, Prof. Dr. Margrit Kennedy, Prof. Dr. Dirk Löhr, Thomas Mayer, Aiman Mazyek, Rene Mono, Andreas Neukirch, Dr. Barbara Niedner, Dr. Norbert Olah, Werner Onken, Prof. Dr. Max Otte, Prof. Dr. Niko Paech, Frank SchĂ€ffler, Sylke Schröder, Roland Spinola, Andreas Steinle, Hansjörg StĂŒtzle und Dr. Antje Vollmer. Der hier folgende Bericht stellt meine subjektive Wahrnehmung als Referentin und Teilnehmerin der gesamten Kongresswoche dar und bietet somit nur einen Einblick in das Geschehen, der lĂ€ngst nicht alle Referate umfasst.

Die Energiewende am PrĂŒfstand – Kritik, Chancen und ein visionĂ€rer Ausblick in die Zukunft

WĂ€hrend in der Bevölkerung weitgehend Konsens darĂŒber herrscht, dass nur eine zu 100 % aus erneuerbaren Rohstoffen gewonnene Energie zukunftsfĂ€hig ist, erzeugen Konzerne der zentralen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland medialen Gegenwind gegen die Energiewende und verzögern ĂŒber den Einfluss ihrer Lobbyisten in der Politik den notwendigen technologischen Wandel. Warum die Argumente der Energie-Riesen falsch sind, erlĂ€uterte RenĂ© Mono, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Stiftung „100 prozent erneuerbar“, die interdisziplinĂ€r an Themen der Energiewende arbeitet und sich mit der Marktanalyse ebenso beschĂ€ftigt wie mit sozialen Aspekten. RenĂ© Mono belegt seine Forderung nach der vollstĂ€ndigen Umstellung auf Energiesysteme aus regenerativer Erzeugung und begrĂŒndete, warum die Energiewende nur dezentral gelingen kann.

Kostenwahrheit in der Energiediskussion fordert auch Prof. Dr. Dirk Löhr, Professor fĂŒr Steuerlehre und Ökologische Ökonomik an der Fachhochschule Trier, der das weitgehend unbekannte „Tischlein-Deck-dich“-System der ökonomischen Renten am Strommarkt thematisierte. Da der Faktor Boden aus der ökonomischen Kalkulation verloren gegangen sei, holen sich die vier großen Stromkonzerne RWE, Vattenfall, E.On und EnBW mit Grundlaststrom hohe Renditen, wobei hier Atom- und Braunkohlekraftwerke die höchsten Gewinne einfahren. Die ungelöste Entsorgungsproblematik des AtommĂŒlls wird dem Steuerzahler ebenso aufgebĂŒrdet wie die Umweltkosten, das Risiko tragen nicht die Unternehmen. Diese Systemfehler gelte es zu beseitigen. Löhr plĂ€diert fĂŒr eine konsequente Abschöpfung der ökonomischen Renten und fĂŒr eine Koppelung von Kosten und Nutzen. Das Erneuerbare Energie-Gesetz EEG sieht Löhr nur als zweitbeste Lösung – effizienter wĂ€re eine Verteuerung der fossilen Brennstoffe. Zur „Anatomie der Ausbeutung“ verfasste Dirk Löhr das Buch „Die PlĂŒnderung der Erde“ (http://www.die-pluenderung-der-erde.de/) und unterstĂŒtzt den Aufruf zu einer Grundsteuerreform in Deutschland (http://www.grundsteuerreform.net/).

Grundlagenforschung: Das Universum aus Sicht der widerspruchsfreien Elektrodynamik

Die Energiewende unter einem völlig anderen Gesichtspunkt sieht der Physiker Dr. Norbert Olah, der heute als Software-Entwickler in der Industrie tĂ€tig ist und einen spannenden Einblick in die Grundlagenforschung gab. Energiegewinnung ohne Verbrennung, ohne MĂŒllproduktion, ohne Emissionen und ohne Knappheit – dass das möglich sei, habe bereits Nikola Tesla bewiesen.

Das elektrische RĂ€derwerk der Natur verstehen und sich bei der Energiegewinnung in kosmische EnergiekreislĂ€ufe einklinken sei der Weg, unbeschrĂ€nkt Energie zu gewinnen. Solar- und Windenergie seien die Vorboten dieser neuen Technologie, deren Pioniere Nikola Tesla, Immanuel Velikovsky, James McCanney und Konstantin Meyl seien. Sein Wissen vermittelt Dr. Norbert Olah im Buch „Einsteins Trojanisches Pferd – eine thermodynamische Deutung der Quantentheorie“.

Norbert Olah gelang es in seinem Vortrag, im Vergleich mit Beobachtungen im Kosmos die Theorie des elektrischen Universums auch fĂŒr Laien verstĂ€ndlich darzustellen. Wie das Weltraumwetter unser Wetter auf der Erde beeinflusst war ebenso Thema wie die Wirbelphysik. Olah verwies da besonders auf die Forschungen und Experimente von Konstantin Meyl. In den Neutrinos sieht Olah die ErklĂ€rung dafĂŒr, dass die Erde wĂ€chst und jedes Jahr 19 cm mehr Umfang aufweise. Das Universum durch die Brille der Elektrodynamik zu sehen stellt aber auch viele bisherige wissenschaftliche Theorien in Frage. Den spannenden Vortrag gibtÂŽs ĂŒbrigens wie viele weitere auch bei GCN als DVD.

Geld – eine Frage der Demokratie!

Was ist Geld ĂŒberhaupt? Wer sich mit dieser Frage beschĂ€ftigt, kommt bald drauf, dass Geld nicht gleich Geld ist. Und vor allem ist es eines nicht: neutrales Tauschmittel. Am Geldsystem hĂ€ngen Macht- und Verteilungsstrukturen, die weitgehend nicht im Bewusstsein der Menschen verankert sind. Wie Geld funktioniert und wie es vor allem besser funktionieren könnte, damit befasste sich eine Reihe von Referaten beim MGS3-Kongress 2013.

Die „Volksinitiative Demokratisches Vollgeld statt Finanzkrisen, Inflation und Staatsverschuldung“ stellte Thomas Mayer von „Mehr Demokratie e.V.“ vor und lieferte dazu zunĂ€chst Grundlagenwissen ĂŒbers Geldsystem, das derzeit so konstruiert sei, dass „keiner mehr durchblickt“. Dass EZB-Geld nicht im Konsum landet, Buchgeld gesetzlich nicht geregelt ist und ĂŒber unser Geldsystem, das systematisch umverteilt, einen Wachstumszwang verursacht und verschleiert, nie demokratisch abgestimmt wurde sind Fakten. „Jede politische Ebene braucht ein Geldsystem“, erklĂ€rte Mayer und konkretisierte: „Weltweit eine Clearing Union, auf nationaler Ebene statt des oligarchischen Bankengeldes jetzt Vollgeld und auf regionaler Ebene KomplementĂ€rwĂ€hrungen.“

Die Verwirrung beim Thema Geld resultiert aus unserem fehlenden Wissen und VerstĂ€ndnis ĂŒber die Geschichte des Geldes, und wie es sich im Lauf der Zeit verĂ€ndert hat. Mayer unterscheidet anhand der Geldschöpfung, also Geldentstehung, vier Geldarten in der Geschichte: Kultisches Gottesgeld, das als Geschenkgeld nicht zum Handeln verwendet wurde. Absolutistisches Herrschergeld, das Könige und FĂŒrsten ab etwa 500 vor Christus ausgaben. Oligarchisches Bankengeld, das ab ca. 1500 n.Cr. in Form von Papiergeld und ab 1875 in Form von Buchgeld ausgegeben wurde und demokratisches Vollgeld, in dem die Demokratie ihren Ausdruck findet, indem der Großteil des Geldes nicht wie jetzt von den GeschĂ€ftsbanken, sondern vom Staat selbst zinsfrei in Umlauf gebracht werde.

„Wie konnten wir nur so dumm sein, den Banken die Geldschöpfung zu ĂŒberlassen? Der jĂ€hrliche Geldschöpfungsgewinn von rund 170 Milliarden Euro in Europa geht an die Banken – das entspricht der Wirtschaftsleistung von ganz Portugal“, so Mayer, der das Prinzip erklĂ€rte: „Die Bank erzeugt das Geld und verleiht es gegen Zins dem Staat. Warum machen wir es nicht selber und fĂŒhren die Geldschöpfung in die öffentliche Hand zurĂŒck?“

Wie das geht, zeigt das Vollgeld-Konzept, das das Geldschöpfungsmonopol der öffentlichen Hand als Monetative neben Legislative, Exekutive und Judikative als vierte, von der Politik unabhĂ€ngige, demokratisch legitimierte SĂ€ule im Staat verankern will. Mit dem angenehmen „Nebeneffekt“, die mittlerweile enormen Staatsschulden tilgen zu können. Vollgeld soll vom Staat zinsfrei in Umlauf gebracht werden. WieÂŽs funktioniert, erklĂ€rt Thomas Mayer auch auf der Website www.eurorettung.org, weitere Informationen dazu gibtÂŽs auf auf www.monetative.de und www.vollgeld.ch

„WofĂŒr brauchen wir in Zukunft noch Banken?“ – dieser Frage stellte sich Andreas Neukirch, Vorstand der genossenschaftlichen GLS-Bank mit Sitz in Bochum und wies auf die gesellschaftspolitische Aufgabe hin, die Genossenschaftsbanken wahrnehmen. Als Aufgabe der GLS-Bank sieht er, sensibel zu bleiben fĂŒr gesellschaftliche Entwicklungen und fĂŒr zukunftsfĂ€hige Projekte Finanzierungsinstrument zu sein: „Wir sind Finanzvermittler, nicht Rendite-Optimierer.“ Um Großbanken zu zerschlagen, plĂ€diert Neukirch fĂŒr eine „massive Aufstockung des Eigenkapitals“.

Eine interessante Podiumsdiskussion leitete die Journalistin Kathrin Latsch, die Marcel Keiffenheim, den Leiter fĂŒr Energiepolitik bei Greenpeace Energy und GLS-Vorstand Andreas Neukirch zu den Themen Ethisches Investement interviewte. „Aufgrund der Auflagen von der Regierung sind viele Projekte zur Umsetzung der Energiewende nicht mehr rentabel, deren Finanzierung ist gefĂ€hrdet“, informiert Keiffenheim: „Ab 1. August 2013 werdne sich die meisten Anlagen nicht mehr rechnen.“ Keiffenheim sieht in der Finanzkrise die Genossenschaft als aktuelles Gesellschaftsmodell, um dem steigenden Problembewusstsein gerecht zu werden. Genossenschaften sind vielfach die rechtliche Basis fĂŒr BĂŒrgerbeteiligungsmodelle zur Errichtung von Kraftwerksanlagen mit erneuerbaren EnergietrĂ€gern. „Die Energiewende von unten soll weitergehen – dezentral und mit BĂŒrgerbeteiligung. Sonst geht sie nicht weiter“, ist Keiffenheim ĂŒberzeugt.

Die Boden- und damit die Eigentumsfrage neu stellen

„Vom Landgrabbing zu Landreformen“ – Dipl.Ök. Werner Onken, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung fĂŒr Reform der Geld- und Bodenordnung, Redakteur der Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie und Experte fĂŒr Freiwirtschaft und Geldreform, befasste sich in seinem Referat mit der Geschichte der Bodenreformbewegung bis hin zu den AuswĂŒchsen der Bodenprivatisierung durch Konzerne heute. In der Geschichte der Bodenreformer ist Silvio Gesell Bindeglied zwischen den Themen Geld- und Bodenreform. Werner Onken, der 1983 beim Besuch eines INWO-Kongresses in Wörgl den Beschluss fasste, das Archiv fĂŒr Geld- und Bodenreform aufzubauen, wĂŒrdigte Gesells Überlegung als „sehr weitsichtig“, die Eigentumsfrage hinsichtlich der Nutzung der Ressourcen neu zu stellen und diese als „Menschheitseigentum“ zu definieren, die der Völkerbund verwalten sollte. FĂŒr die private Nutzung von Rohstoffen sollte Steuer gezahlt werden, die pro Kopf an die Weltbevölkerung ausgezahlt wird – „das lĂ€sst scih mit dem Grundeinkommen gut verbinden“, so Onken. Gesell sah die „Erde als Gemeinschaftsgut aller Menschen“ und auch Rudolf Steiner sage in seiner sozialen Dreigliederung Ă€hnliches: „Geld soll sich nicht im Boden durch GrundkĂ€ufe stauen.“

„Wir sind TreuhĂ€nder des Bodens, nicht EigentĂŒmer oder Besitzer – es bruach eine neue innere Haltung zum Boden und neue Strukturen“, ist Onken ĂŒberzeugt. Die Landgrabbing-Problematik erstrecke sich mittlerweile nicht nur auf den Boden, auch auf Gene, Saatgut, Wasser, Luft, Gesundheit und Wissen – das Geld dringe in immer mehr Bereiche vor und verwandle Lebensgrundlagen in Handels- und SpekulationsgĂŒter. Der Boden mĂŒsse als gemeinsames Gut anerkannt werden, GebĂŒhren fĂŒr die private Nutzung sollten eingehoben und an die Bevölkerung verteilt werden. Als positiven Ansatz sieht Onken dazu den Trend zur Schaffung von Allemenden und GemeingĂŒtern, die nicht ĂŒber Eigentum, sondern ĂŒber Nutzungsrechte genĂŒtzt werden.

Leben in einer Welt ohne Wachstum – wie kann das gehen? Und noch dazu attraktiv sein? Wie die Befreiung vom Überfluss in einer Postwachstumsökonomie organisiert und fĂŒr alle zum Gewinn werden kann, schilderte Prof. Dr. Niko Paech, Dipl.Volkswirt und Gastprofessor am Lehrstuhl fĂŒr Produktion und Umwelt an der Uni Oldenburg. Beim Kongress trafen sich auch aktive Menschen, die bereits jetzt Neues wagen – Frank Scheppke vom Kannwas (www.kannwas.org)dem drittĂ€ltesten Regiogeld in Deutschland und Martin Westendorff, der mit seinem „Fach-Laden“ in Nortrop eine tolle Einrichtung zur Gemeinschaftsbildung, Förderung der KreativitĂ€t und des Zusammenhaltes geschaffen hat. Er bietet einen Laden mit RegalwĂ€nden, deren FĂ€cher er vermietet. Regal mieten und verkaufen lassen, lautet die Devise, die auf ein großes Echo in der Bevölkerung gestoßen ist. Jetzt wird der Fach-Laden um eine CafĂ©-Ecke erweitert, um Raum fĂŒr Vernetzung und gegenseitiges Kennenlernen zu schaffen. Weitere Infos dazu gibtÂŽs auf  www.fach-laden.de

Helmut Creutz zur Wirkungsweise unseres Geldsystems

Die Bundeszentrale von Global Change Now ist mit Villa Creutz nach ihm benannt  – Helmut Creutz zĂ€hlt zu den Pionieren der Geldreformbewegung, der seit den 1980er Jahren auf die Wirkungsweise des zinseszinsbelasteten Geldsystems aufmerksam macht und AufklĂ€rungsarbeit mit zahlreichen BĂŒchern und VortrĂ€gen leistet. Beim Macht Geld Sinn Energie Kongress ging er am letzten Kongresstag in seinem Referat auf die „Problemfelder unseres Geldsystemes“ ein und ging dabei auf Staatsverschuldung und den Zins als Wachstumstreiber ein und erklĂ€rte, warum jeder Zinsen zahlt, auch wenn man keinen Kredit hat.

„Schulden zahlen sich nicht aus – mit den Krediten von heute zahlt der Staat nur die Zinsen von gestern auf Kosten der Generation von morgen“, zitierte Creutz den deutschen StaatssekretĂ€r im Finanzministerium Manfred Overhaus und stellte zur Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich fest, dass die „ertrĂ€gliche Grenze lĂ€ngst ĂŒberschritten ist“. Im jetzigen System seien 80 % der Menschen immer Verlierer. Creutz bezeichnete einmal mehr den Zins als „Wurzel des Übels, der durch den Zinseszinseffekt die Geldströme wachsen lĂ€sst.“

 

„Wir brauchen eine ganzheitliche Ethik und eine neue Leitkultur“

In Dialog treten mit anderen – der MGS3-Kongress öffnete sich neuen Themenbereichen wie Energie und Demokratie, aber auch fĂŒr den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen mit der Zielsetzung, die gemeinsame Wirtschaftsethik zu betonen und eine notwendige ĂŒberkonfessionelle Debatte ĂŒber das Zinsthema anzustoßen.

„Wir sind eine sĂ€kulare Organisation, aber wir sind dialogfĂ€hig“, erklĂ€rte GCN-GeneralsekretĂ€r Tom Aslan bei der Vorstellung von Aiman Mazyek, der beim MGS3-Kongress seine Gedanken zur Frage „Lassen wir uns tatsĂ€chlich von einer universellen Ethik und den Menschenrechten in wirtschaftlichem und ökologischem Handeln leiten?“ formulierte und zunĂ€chst GrundsĂ€tzliches ĂŒber den Islam voran stellte.

Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, in der Hilfsorganisation GrĂŒnhelme e.V. tĂ€tig und vertritt liberale Standpunkte zum Islam. Waren es in den 1960er Jahren noch 400.000 Muslime in Deutschland, so sind es heute an die vier Millionen in 2000 Gemeinden, organisiert in vier VerbĂ€nden. In der gegenwĂ€rtigen Islam-Debatte werde die Religion sehr oft missverstanden. „Islam bedeutet Hingabe zu Gott, Frieden machen – und das verpflichtet zu Gerechtigkeit gegenĂŒber den Menschen und der Umwelt, zu Barmherzigkeit und Vergebung“, so Mazyek, wobei der Islam keine Unterscheidung von weltlich und religiös gebe, anders als in der europĂ€ischen AufklĂ€rung sei keine Trennung von Religion und Vernunft erfolgt. „Jeder Mensch ist Gottesstellvertreter auf Erden. Das heißt die Erde pflegen und hegen, nicht Untertan machen und ausbeuten.“

Dass der Islam heute so kontrovers wahrgenommen und emotional diskutiert wird, liege auch daran, dass viele MissstĂ€nde auf den Islam projeziert werden, mit denen sozioökonomische Probleme verbunden sind. Das Trennende werde kĂŒnsltich herausdestilliert und als Gefahr erklĂ€rt, Vorurteile und Ressentiments gepflegt sowie in der SĂŒndenbock-Diskussion Ersatzbefriedigung gesucht. Die Religion werde als Problem definiert, nicht ĂŒber das Verbindende.

„Die Demokratie und der Wohlstand heute sind gefĂ€hrdet, von Maßlosigkeit bedroht – das Thema der Religion ist Maßhalten“, so Mazyek. Der Kapitalismus dĂŒrfe keine neue Religion sein. „Beim Geld brauchen wir eine notwendige Debatte ĂŒber das Zinsthema, ĂŒberkonfessionell. Durch WissenschaftsglĂ€ubigkeit und Maßlosigkeit haben wir verlernt, den ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen. Es ist unsere einzige Chance, Spielregeln fĂŒr alle aufzusetzen.“ Bis heute habe man es nicht geschafft, den Ressourcen-Raubbau in den Gleichungen der Volkswirtschaft unterzubringen. „Wir sehen nicht ganzheitlich – jeder sieht nur sein Feld. Was wir brauchen, ist eine ganzheitliche Ethik – und dieser Prozess braucht das Gehirnschmalz vieler. Wir brauchen eine neue Leitkultur jenseits von rechts und links.“

„Es bewegt sich garnichts, wenn man selbst nichts tut“

Sie beschĂ€ftigt sich seit 50 Jahren durchgehend mit Politik, ist ein „Urgestein“ der SPD, seit 1972 Mitglied im Bundestag, war von 1998 bis 2002 Justizministerin und arbeitet als Beraterin in Menschenrechts- und Rechtsstaatfragen, ist Honorarprofessorin an der Freien UniversitĂ€t Berlin und fĂŒhrte Bundesklage gegen ESM und den EuropĂ€ischen Fiskalpakt – Prof. Dr. Herta DĂ€ubler-Gmelin kennt alle Facetten der Politik. Sie versteht die Politikverdrossenheit vieler, ortet dahinter OhnmachtsgefĂŒhle. Aber wie geht man damit um?

DĂ€ubler-Gmelin kommt aus der 1968-Bewegung und wurde im Bundestag immer wieder mit der Frage konfrontiert, was ist ein verantwortungsvoller Kompromiss? Was eine Minderheitenposition? Und was Unterwerfung? OhnmĂ€chtig fĂŒhlen sich nicht nur BĂŒrger, das GefĂŒhl kennen auch ihre Volksvertreter. Macht und Politik gehöre zusammen: „Politik, die Macht nicht will, ist Spielerei.“ Aber welche Macht? Sie unterscheidet zwischen absoluter, „von oben“ legitimierter Macht und gebundener Macht, der Vollmacht, die „von unten“ durch einen Gesellschaftsvertrag – die Verfassung – eine inhaltliche Bindung an Menschenrechte und Gewaltentrennung sowie demokratische Kontrolle umfasst.

Gebundene Macht in einer Demokratie mĂŒsste also Ohnmacht, die angesichts absoluter MachtverhĂ€ltnisse auftritt, ausschließen. Dass diese missbauchsanfĂ€llig sei, zeigen VorfĂ€lle wie Stuttgart 21, wo selbst eine Volksabstimmung nicht geschĂŒtzt habe. Die Eurorettung Ă€hnle Stuttgart 21 in fataler Weise, meint DĂ€ubler Gmelin und hofft, dass beim ESM das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. „Die Euro-Rettung verĂ€ndert Europa – weg von der parlamentarischen Kontrolle“, warnt sie. Die Eurorettung sei fĂŒr die sĂŒdlichen LĂ€nder eine Katastrophe – halbierte GehĂ€lter, Streichung von Stipendien, gekĂŒrzte Renten etc. Und die EZB sei ĂŒberhaupt nicht kontrollierbar,  Europa habe kein System der gebundenen Macht, keine BevollmĂ€chtigung.

Wird die politische Macht zu stark von Lobbyisten und Geld beeinflusst? Soll man das hinnehmen oder etwas dagegen machen? DĂ€ubler-Gmelin ist fĂŒr die zweite Variante und fordert die WĂ€hler auf, aktiv zu werden und Abgeordnete direkt anzusprechen: „Man kann mehr Einfluss nehmen als man glaubt.“ Ob Abgeordneten-Watch, Lobbycontrol oder Transparency – der BĂŒrger soll mehr Transparenz und Kontrolle einfordern, wozu sie sich auch mehr Direkte Demokratie von den Kommunen bis hin zur europĂ€ischen Ebene wĂŒnscht. „Macht muss immer gebunden sein“, ist ihre Überzeugung und „es bewegt sich garnichts, wenn man selbst nichts tut“ laute der Grundsatz der Demokratie. Die VerĂ€nderung von anderen zu erwarten funktioniere nicht, denn das sei „das Peinliche an der Demokratie – wenn man mit einem Finger auf andere zeigt, zeigen drei zurĂŒck zu einem selbst. Unsere Gesellschaft darf nicht weiter in Richtung marktfĂ€hige Demokratie verkommen“, lautet ihr Appell an die Zivilgesellschaft.

Und der geht auch dahin, selbst fĂŒr politische Ämter zu kandidieren. Bei Wahlen könnten nicht nur Parteien antreten, auch Einzelpersonen, wobei der Vorteil der Partei darin bestehe, dass vorher ein Porgramm da ist. Um zu gestalten, braucht es Mehrheiten, man mĂŒsse Werterahmen setzen und diskutieren. Wenn Parteien sich dann nicht an die Vereinbarung mit ihren WĂ€hlern halten, können sie bestraft werden, indem sie nicht mehr gewĂ€hlt werden. Und was das Problem der Korruption betrifft, tritt DĂ€umler-Gmelin seit Jahren fĂŒr grĂ¶ĂŸtmögliche Transparenz ein: „Alle EinkĂŒnfte sollen offengelegt werden, wie in Schweden.“

In der regen Diskussion kamen dann so einige VorschlĂ€ge – von der Bannmeile fĂŒr Lobbyisten bis hin zum Vorschlag, dass jeder 10 % seiner Einkommenssteuer zweckgebunden fĂŒr Projekte widmen kann. Ob denn der Politik die Zinsproblematik im Geldsystem nicht bewusst sei wurde ebenso gefragt wie nach dem Zusammenhang von Waffenexporten und Arbeitslosigkeit sowie mangelnder ökologischer Gesetzgebung und Arbeitslosigkeit. Herta DĂ€umler-Gmelin rĂ€umte ein, dass der Wachstumszwang zur RĂŒstung fĂŒhre und bislang noch keine einzige Partei den Zins ablehne: „Die Diskussion ist noch lange nicht da, wo sie hingehört – das gehört noch deutlicher diskutiert.“

 

GCN: Netzwerk ausbauen und weitere Veranstaltungen

Global Change Now e.V. umfasst derzeit rund 80 AktivistInnen bundesweit und setzt auf dezentrale Strukturen. „Das Netzwerk soll funktionieren“, erklĂ€rte Tom Aslan, hier im Bild rechts mit GCN-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Manuel SchĂŒrmann, und wies auf den jungen Altersdurchschnitt der Mitwirkenden hin, die eine gesellschaftliche VerĂ€nderung wollen, sich dabei aber nicht als „HĂŒter von Ideen“ verstehen. „Wir sehen unsere Aufgabe angepasst an die Gegenwart darin, mit Klarheit und Wachheit Bildungsarbeit zu machen. Wir können trommeln, und das werden wir tun.“ Unter anderem beim nĂ€chsten großen Event am 3. August 2013 in Berlin, dem Mauerpark-Festival. Insgesamt plant Global Change Now heuer acht Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet, 2012 waren es noch drei.

 

Bilder vom MGS3 gibtÂŽs hier in der Galerie…

Bilder vom abendlichen Kulturprogramm mit dem Berliner Liedermacher Hans-Eckhardt Wenzel, dem Finanzkabarettist Chin Meyer, der Acapella-Comedy-Gruppe LaLeLu und der Band Felix Meyer sowie vom Abschlussabend  mit Marius del Mestre von Ton Steine Scherben gibtÂŽs hier in der Galerie…

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