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Artikelinformationen:

Veröffentlicht am:
17. Oktober 2013
Autor(en) des Artikels:
Prof. Dr. Niko Paech

GrĂŒnes Wachstum ohne Happy End

 

Fukushima macht‘s möglich: Unter dem Banner der »Energiewende« ereignet sich derzeit ein furioses Schauspiel. Um das Dogma stetigen Wachstums nicht anzutasten, jedoch zugleich Nachhaltigkeitsfortschritte zu simulieren, finden zwei AmoklĂ€ufe statt, die den Rest halbwegs intakter NaturgĂŒter in die Zange nehmen: Ersterer umfasst eine Renaissance der Kohle. Die Armada in Deutschland geplanter neuer Braun- und Steinkohlekraftwerke deckt nahezu die GesamtkapazitĂ€t der stillzulegenden Atommeiler ab.

Der zweite Gnadenstoß kulminiert in einer Nachverdichtung bis dato unversiegelter und unbebauter Landschaften mit Wind-, Biogas- und FreiflĂ€chensolaranlagen, ergĂ€nzt um Pumpspeicherkraftwerke und Stromtrassen. Landschaftsschutzgebiete sind kein Tabu mehr. Könnte es sein, dass Klimaschutzanstrengungen in Form ökonomischer und technischer Expansion mehr SchĂ€den anrichten als der eigentliche Klimawandel?

Hinzu kommt, dass der sich absehbar zum desaströsesten Klimakiller mausernde Flugverkehr aus allen Weltrettungsszenarien fein sĂ€uberlich herausgehalten wird. Das trifft nicht minder auf den Autoverkehr zu. Vor dem massenhaft ertrotzten Menschenrecht auf globale und unbeschrĂ€nkte MobilitĂ€t hat der Nachhaltigkeitsdiskurs schlicht kapituliert. Ähnliches gilt fĂŒr die industrielle Landwirtschaft, den ungebremsten Zubau von Immobilien, ProduktionsstĂ€tten und Infrastrukturen oder die Einwegverpackungs- und Elektronikschrottflut. Die Liste ließe sich beliebig fortfĂŒhren.

Dass der freie Fall in ein umweltpolitisches »Age of the Stupid« musikalisch vom Gassenhauer des grĂŒnen Wachstums begleitet wird, also der Behauptung, technische Innovationen wĂŒrden ein weiter wucherndes Bruttoinlandsprodukt (BIP) von ökologischen SchĂ€den entkoppeln, bildet den Gipfel der Verhöhnung. Apropos Gipfel. Hoffnungen darauf, dass der Rio+20-Gipfel diesem absurden Theater etwas entgegensetzen könnte, sind völlig unbegrĂŒndet. Dort wird es wohl weniger um die Grenzen des Wachstums als um das Wachstum der Grenzen gehen. Das hĂ€lt den Verfasser des vorliegenden Traktates nicht davon ab, auf zwei besonders relevante Wachstumsgrenzen einzugehen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Fallstricke der ökologischen Modernisierung

Im Falle der regenerativen Energien lĂ€sst sich die Funktionsweise des »Green Growth« schon erkennen. So hat das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erreicht, zusĂ€tzliche Investitionen in zusĂ€tzliche Anlagen mit dem Effekt zusĂ€tzlicher ökologischer Zerstörung zwecks Produktion zusĂ€tzlicher Endenergie zu mobilisieren, die wiederum zusĂ€tzliche Energienachfrage bedient und zusĂ€tzliches Einkommen fĂŒr die daran beteiligen Unternehmen und Arbeitnehmer generiert. Um zu verstehen, warum die ökologische Entkopplung1 des BIP-Wachstums einer Quadratur des Kreises entspricht, sind zunĂ€chst zwei Sachverhalte zu berĂŒcksichtigen:

Bruttoinlandsprodukt Deutschland 2013

(1) Ohne zusĂ€tzlichen Output an produzierten GĂŒtern ist eine BIP-Steigerung nicht möglich. Deshalb korrespondiert jeder BIP-Zuwachs mit einer mehr oder weniger materiellen Entstehungsseite.

(2) Eine Zunahme des BIP steigert das verfĂŒgbare Einkommen und somit die Kaufkraft mindestens eines Teils der Bevölkerung. Daraus resultiert eine Verwendungsseite des monetĂ€ren Zuwachses, die sich ebenfalls mehr oder weniger materiell niederschlĂ€gt.

Dies hat eine entscheidende Konsequenz: Wenn ein BIP-Zuwachs insoweit als »grĂŒnes Wachstum« bezeichnet werden soll, dass durch ihn wenigstens keine zusĂ€tzlichen ökologischen SchĂ€den verursacht werden, muss dies notwendigerweise auf der Entstehungs- und Verwendungsseite des BIP-Zuwachses gelten. Entkopplung, die diesen Namen verdient, bedarf also eines doppelten KunststĂŒcks.

Entstehungsseite: Materielle Rebound-Effekte

Welche GĂŒter oder Dienstleistungen könnten so beschaffen sein, dass sowohl deren Produktion, Nutzung als auch Entsorgung einerseits jeglicher FlĂ€chen-, Materie- und EnergieverbrĂ€uche enthoben ist, dass sie jedoch andererseits in Form geldwerter Leistungen von mindestens einem Anbieter zu mindestens einem Nachfrager ĂŒbertragen werden?2

Jedenfalls erfĂŒllen PassivhĂ€user, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Stromleitungen, Blockheizkraftwerke, solarthermische Heizungen, Cradle-to-cradle-GetrĂ€nkeverpackungen, Carsharing- oder Internet-Dienstleistungen etc. diese Bedingung mitnichten; ihre Bereitstellung ist niemals ohne physischen Aufwand zu gewĂ€hrleisten.

Elektroschrott

Immerhin eine Ausnahme von der unvermeidlichen MaterialitĂ€t jeglicher Leistungsausformung und -ĂŒbertragung wurde zeitweilig fĂŒr möglich gehalten: digitale Technologien und Services. Allerdings ist diese Dematerialisierungsvision lĂ€ngst an einer nie dagewesenen Elektroschrottlawine, ganz zu schweigen von dem Verbrauch fossiler Ressourcen, Mineralien, Seltenen Erden, Metallen etc. zerschellt. Denn auch wenn die eigentliche LeistungsĂŒbertragung per Mausklick oder als Abruf virtuell bearbeitbarer Informationspakete erfolgt, bedarf es an den End- und Anfangspunkten derartiger Prozessketten einer umso massiveren Ausstattung mit materiellen »DienstleistungserfĂŒllungsmaschinen«.

Ein vielfach erhoffter Ausweg wurde darin gesehen, die neuen Nachhaltigkeitslösungen eben nicht zusĂ€tzlich, sondern nur als Ersatz fĂŒr weniger nachhaltige Outputeinheiten zu verwenden. Aber eine Reduktion stofflicher FlussgrĂ¶ĂŸen wĂŒrde nicht per se zu einer Entlastung fĂŒhren, wenn dies mit einer Ausdehnung materieller BestandsgrĂ¶ĂŸen einherginge. Deshalb scheitert diese Strategie – zumindest wenn sie zum BIP-Wachstum beitragen soll – an mehr als nur einem Widerspruch. Effizienz- und Konsistenzpotenziale zur Senkung von Stoffströmen fallen weder vom Himmel, noch sind sie durch einfache Anpassungen oder UmrĂŒstungen vorhandener ProduktionsstĂ€tten möglich. Erforderlich sind Investitionen in neue Anlagen oder gar Produktionsstandorte. Um zu erwirken, dass es zu einer Substitution anstelle purer Addition nachhaltigeren Outputs kommt, mĂŒssten die alten KapazitĂ€ten stillgelegt werden. Die Aussicht darauf, dies gegen den Widerstand der davon profitierenden Unternehmer und Arbeitnehmer erwirken zu können, dĂŒrfte denkbar gering sein. Insoweit dies noch nie gelang, fĂŒhrten Nachhaltigkeitsinnovationen stets zur AufblĂ€hung des Outputs, wie die friedliche Koexistenz von Kohle und Erneuerbaren eindrucksvoll zeigt. Aber selbst wenn die Stilllegung alter KapazitĂ€ten gelĂ€nge, wie wĂ€re es dann möglich, auf ökologisch neutrale Weise die Materie ganzer Industrien verschwinden zu lassen? Sollte auch dies gelingen – wohlgemerkt in einem Paralleluniversum, das kein Entropiegesetz kennt –, könnte das BIP nicht dauerhaft wachsen, weil jeder neuen Wertschöpfung ein Verlust infolge des RĂŒckbaus alter Strukturen entgegenstĂŒnde. Wer beispielsweise glaubt, die Erneuerbaren könnten langfristig die BIP-BeitrĂ€ge der atomaren und fossilen Industrien ersetzen, ĂŒbersieht mindestens zweierlei:

Die derzeitig bestaunten WertschöpfungsbeitrĂ€ge grĂŒner Technologien entsprechen einem Strohfeuereffekt, der allein dem vorĂŒbergehenden KapazitĂ€tsaufbau geschuldet ist. Danach reduziert sich die ökonomische Wirkung auf einen Energiefluss, der vergleichsweise wenig Aufwand an wertschöpfungstrĂ€chtigen Inputs verursacht und nicht beliebig gesteigert werden kann – es sei denn, die Produktion neuer Anlagen wird ohne Begrenzung fortgesetzt. Aber dann nehmen die schon jetzt kaum mehr ertrĂ€glichen landschaftlichen Zerstörungen entsprechend zu, weil die materiellen BestandsgrĂ¶ĂŸen expandieren.

Daran zeigt sich nebenbei, dass regenerative Energien selbst im besten Fall kein ökologisches Problem lösen, sondern nur in eine andere physische, rĂ€umliche, zeitliche oder systemische Dimension transferieren, was fĂŒr die meisten anderen HoffnungstrĂ€ger des Green Growth nicht minder gilt.3

Verwendungsseite: Finanzielle und psychologische Rebound-Effekte

Angenommen, ein wenigstens von der Entstehungsseite her ökologisch unschÀdliches BIP-Wachstum wÀre denkbar. Wie könnte dann sichergestellt werden, dass auch die damit unvermeidlich korrespondierenden EinkommenszuwÀchse ökologisch neutral sind?

Selbst unter strengsten umweltpolitischen Reglementierungen wĂŒrde der Warenkorb jener Konsumenten, die das zusĂ€tzliche Einkommen beziehen, welches in den »grĂŒnen« Branchen erwirtschaftet wird, GĂŒter enthalten, in deren globalisierte Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe einfließen. Selbst unter der abwegigen Annahme, dass die ArbeitnehmerInnen grĂŒner Branchen besonders umweltbewusst sind, könnte es diesen nie gelingen, ihre Konsumausgaben ökologisch zu neutralisieren. WĂŒrden diese Personen etwa nicht in Eigenheimen leben, mit dem Flugzeug reisen, Auto fahren und das ĂŒbliche GĂŒterspektrum in Anspruch nehmen?

Einkaufswagen

Insgesamt wĂŒrde die Einkommenswirkung des vermeintlich grĂŒnen Wachstums paradoxerweise die Nachfrage nach fossiler Energie und anderen Ressourcen steigern (Finanzieller Rebound- Effekt Nr. 1). Dieses Problem verschĂ€rft sich sogar, wenn berufliche TĂ€tigkeiten in grĂŒnen Branchen aufgrund ihrer positiven Symbolik eine perfekte moralische Kompensation dafĂŒr bilden, es mit dem Klimaschutz im Rahmen privater MobilitĂ€t und Konsumhandlungen nicht so genau zu nehmen (Psychologischer Rebound-Effekt).

Zu berĂŒcksichtigen sind zwei weitere finanzielle Rebound-Effekte. Wenn beispielsweise der ElektrizitĂ€tsoutput insgesamt steigt – etwa weil nicht im Umfang des Ausbaus der Erneuerbaren die KapazitĂ€t an fossiler Produktion verringert wird –, sinkt insgesamt der Strompreis, was wiederum die Nachfrage erhöht, und zwar sowohl nach zusĂ€tzlicher Energie als auch nach Energie verbrauchenden GerĂ€ten. Dass davon partiell auch der fossile Bereich profitiert, ist nicht auszuschließen (Finanzieller Rebound-Effekt Nr. 2).

Ein dritter finanzieller Rebound-Effekt kann eintreten, wenn Effizienzerhöhungen die Betriebskosten bestimmter Objekte (HĂ€user, Autos, Beleuchtung etc.) reduzieren. Die Einsparungen sind dann fĂŒr zusĂ€tzliche MobilitĂ€t und Konsumausgaben verfĂŒgbar. Die drei finanziellen Rebound-Effekte wĂ€ren nur zu vermeiden, wenn jeder Einkommenszuwachs, der durch Investitionen in »grĂŒne« Produktionsanlagen induziert wird, vollstĂ€ndig abgeschöpft wĂŒrde. Aber abgesehen davon, dass dies unter marktwirtschaftlichen Bedingungen undenkbar ist, ergĂ€be sich ein unlösbarer Widerspruch zur Logik des (grĂŒnen) Wachstums. Was könnte absurder sein, als Wachstum zu erzeugen, um es dann im selben Moment zu neutralisieren? Insoweit genau dies aber schon allein um der Tilgung konterkarierender Einkommenseffekte notwendig wĂ€re, ergeben sich zwei Schlussfolgerungen:

  • »GrĂŒnes« Wachstum, verstanden als absolute Entkopplung eines BIP-Zuwachses von ökologischen SchĂ€den, ist selbst dann schlicht undenkbar, wenn die materielle Entstehungsseite vernachlĂ€ssigt wird. Studien, die unter RĂŒckgriff auf umweltökonomische Gesamtrechnungen eine absolute Entkopplung in Deutschland konstatieren, werfen eine interessante Frage auf: Wie kann empirisch möglich sein, was nicht einmal theoretisch darstellbar ist? Neben den unĂŒberschaubaren Schlupflöchern einer Verlagerung ökologischer SchĂ€den ist zu berĂŒcksichtigen, dass nicht jede Reduktion von Umweltbelastungen auf eine Entkopplung kraft grĂŒner Innovationen schließen lĂ€sst, sondern auch das Resultat des Zusammenbruchs oder RĂŒckbaus bestimmter Industrien sein kann. Letzteres wĂ€re erstens keine Entkopplung und zweitens ein nicht wiederholbarer Einmaleffekt.
  • Die Behauptung, durch Investitionen in grĂŒne Technologien könne Wirtschaftswachstum mit einer absoluten Senkung von Umweltbelastungen einhergehen, ist nicht einfach nur falsch – es ist sogar das genaue Gegenteil der Fall: Nur unter der Voraussetzung, dass das BIP gerade nicht wĂ€chst, haben grĂŒne Technologien ĂŒberhaupt eine Chance, die ÖkosphĂ€re zu entlasten. Und dies ist nicht einmal eine hinreichende, sondern nur eine notwendige Bedingung, weil die direkten und indirekten materiellen Effekte auf der Entstehungsseite ebenfalls einzukalkulieren sind.

Zeitökonomische Wachstumsgrenzen

Das expansive Wesen moderner Freiheitsauslegungen wird einer gewandelten RealitĂ€t nicht mehr gerecht. FrĂŒhe Phasen der Moderne waren nicht nur von materieller Knappheit beherrscht, sondern einer noch nicht ausgeschöpften menschlichen AufnahmekapazitĂ€t fĂŒr zusĂ€tzliche Optionen konsumtiver Selbststeigerung. Dieses Zweigestirn aus Haben-wollen und Verarbeiten-können war der Motor einer Ausdehnungsbewegung, die folgerichtig mit Freiheitsgewinnen gleichgesetzt werden konnte. Inzwischen ist ein Stadium der Überladung erreicht.

Alle Dimensionen menschlicher Existenz sind okkupiert und vollgepfropft: Die ÖkosphĂ€re, die Landschaft, die StĂ€dte, der Terminkalender, die Freizeit, die MobilitĂ€t, die Bildung, die Vorsorge, das Portfolio beruflicher Entfaltung, die digitalen KommunikationskanĂ€le, insbesondere die hierdurch ermöglichten sozialen Netze bis in die letzten Nischen etc. Alles ist verdrahtet, an jedem Ort und zu jeder Zeit im Sonderangebot erhĂ€ltlich. Deshalb ist das moderne Dasein vordergrĂŒndig so leicht – und doch zugleich so schwer.

Voller Terminkalender

Zwei einander verstĂ€rkende Mechanismen konterkarieren das moderne GlĂŒcksversprechen: Erschöpfung4 infolge des Abarbeitens einer kaum zu bewĂ€ltigenden Ereignisdichte trifft auf Inhaltsleere infolge des nur noch flĂŒchtigen »Antriggerns« der einzelnen Optionen. Der Überfluss an Möglichkeiten, die alle erschlossen werden wollen, fĂŒhrt in eine unertrĂ€gliche Leichtigkeit – zutreffender: Seichtigkeit – des Seins.Wenn immer mehr Informationsverarbeitung, Entscheidungsbedarfe und Handlungsoptionen auf ein nicht vermehrbares Potenzial an Zeit und Aufmerksamkeit verteilt werden, nimmt zwar der Konsumwohlstand zu, aber die BedĂŒrfnisbefriedigung bleibt auf der Stecke.

An die Stelle einer Ausschöpfung tritt das buchstĂ€blich oberflĂ€chlichste Prinzip der Aneignung, nĂ€mlich das Scannen und Surfen auf einem Ozean der Möglichkeiten, in den an keiner Stelle mehr eingetaucht werden kann. FĂŒr das Verweilen und die Kontemplation fehlt es an Zeit, weil mit hoher Geschwindigkeit zum nĂ€chsten Ereignis davongeeilt wird. Wer schnell dahinsaust, hat stets zu wenig Zeit, um sich auf die einzelnen Dinge am Wegesrand einzulassen. Aber ohne ein Minimum an eigener Zeit und Konzentration lassen sich keiner AktivitĂ€t oder Ware nutzenstiftende Momente entringen.5 Sie werden zu bloßen Symbolen der WohlstandstrophĂ€en. Folglich gerĂ€t jede Balance zwischen vertikaler VorwĂ€rtsbewegung und horizontaler Vertiefung zulasten der Letzteren aus den Fugen. Und immer sitzt die Angst im Nacken, etwas anderes zu versĂ€umen, falls die Verweildauer an einem Punkt innerhalb des multioptionalen Koordinatensystems zu lang werden sollte.

Die zweite Konsequenz eines verdichteten Lebens besteht im Verlust an Selbstwirksamkeit. Wenn alles nur in vorgefertigter Form abgerufen wird, bleibt kein Raum fĂŒr eigene Gestaltung. Das Erfolgserlebnis, ein Konsumobjekt eigenhĂ€ndig erschlossen zu haben und sei es nur durch den eingeĂŒbten Umgang, die mĂŒhsam erlangte Sachkenntnis oder die Mitwirkung am Zustandekommen eines Ergebnisses, bleibt aus.

Eine dritte Eskalation liegt in der fatalen Verletzlichkeit einer auf Ă€ußere Zufuhr angewiesenen Daseinsform. Mit der Höhe des konsumtiven Versorgungsniveaus steigt nicht nur die Fallhöhe, wenn Finanz- und Ressourcenkrisen das Kartenhaus zum Einsturz bringen sollten. Auf dem langen Marsch in den Überfluss haben sich deren Nutznießer jeglicher FĂ€higkeiten entledigt, notfalls durch handwerkliche, manuelle oder substanzielle Kompetenzen auch ohne Geld und Industrie zur Sicherung ihrer Daseinsgrundfunktionen beizutragen. Wer schicksalhaft an den MarionettenfĂ€den einer Versorgung durch Markt oder Staat hĂ€ngt, lebt niemals krisensicher.

Letzter Akt: Und erlöse uns von jeglicher Verantwortung

Die Alternative zur gescheiterten Entkopplungsstrategie kann nur Reduktion heißen. Sie umfasst zwei Grundtendenzen, nĂ€mlich erstens eine RĂŒckkehr zu kleinrĂ€umigen, graduell deindustrialisierten Versorgungsstrukturen6 (Subsistenz, Regionalökonomie, Restindustrien mit kĂŒrzeren Wertschöpfungsketten) und zweitens eine DĂ€mpfung nicht globalisierungsfĂ€higer Konsum- und MobilitĂ€tsansprĂŒche (Suffizienz, Entschleunigung, Sesshaftigkeit). Dies sind nur zwei Bausteine einer Postwachstumsökonomie, die an anderer Stelle hinreichend beschrieben wurde.7 Der damit einhergehende Prozess einer EntrĂŒmpelung auf gesellschaftlicher und individueller Ebene könnte ĂŒberdies dazu verhelfen, sich von Ballast zu befreien, der nicht nur die ökologische, sondern auch die menschliche AufnahmekapazitĂ€t ĂŒberfordert. Zeitknappheit ist ein gnadenloses Regime. In einer ĂŒbervollen Welt drohen nicht nur chronische KonzentrationsschwĂ€chen und Aufmerksamkeitsdefizite. Denn von dort ist es nicht weit zum Verlust jeglicher Achtsamkeit und schließlich Eigenverantwortung. Wer die gerade noch zu bewĂ€ltigende Ereignisdichte eines entgrenzten Daseins meistert, hat eines ganz bestimmt nicht: Zeit zum Innehalten, um die Konsequenzen aus der Unverantwortbarkeit derartiger Praktiken zu ziehen.

Nico Paech

Aber findet sich auf der BenutzeroberflĂ€che eines komfortablen Lebens nicht auch dafĂŒr eine Applikation? Ja doch, wĂŒrden Verfechter des Green Growth bzw. der Green Economy begeistert ausrufen. Denn letztlich liegt die AttraktivitĂ€t der grĂŒnen Fortschrittsreligion darin, ein auf PlĂŒnderung beruhendes Wohlstandsmodell von jeder eigenen Verantwortung zu entkoppeln, regelrecht rein oder grĂŒn zu waschen. GrĂŒne Technologien fungieren als moralischer Blitzableiter in ihrer Mischung aus HoffnungstrĂ€ger und geduldigem PrĂŒgelknaben. Nicht maßlose Konsum- oder MobilitĂ€tsansprĂŒche, sondern der (noch) nicht eingeleitete Entkopplungsfortschritt ist schuld am Desaster. Die daraus erwachsende Genuss-ohne-Reue-Rezeptur wird sich in Rio sicherlich gut verkaufen lassen. Ein paar Jahre bleiben dann noch.

Quelle: GrĂŒnes Wachstum ohne Happy End.
In: Forum Wissenschaft, Heft 2/2012, S.13-16.

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Anmerkungen:

  • Im Rahmen des vorliegenden Artikels wird unter Entkopplung ein Wertschöpfungszuwachs verstanden, der keine zusĂ€tzlichen UmweltschĂ€den verursacht. Diese PrĂ€zisierung dient der Abgrenzung von einer sog. »relativen« Entkopplung, die lediglich bewirkt, den Schaden einer zusĂ€tzlichen BIP Einheit zu reduzieren, somit das absolute Niveau der Umweltbelastung fortwĂ€hrend zu erhöhen.
  • Mit zunehmender Arbeitsteilung nimmt die Anzahl der Produktionsstufen, auf denen die Leistungseinheiten transformiert, bearbeitet und Raum ĂŒberwindend zur nĂ€chsten Stufe ĂŒbertragen werden mĂŒssen, entsprechend zu.
  • Bruno Kern 2009: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Energiewende zwischen infantilen Phantasien und ErnĂŒchterung «, in: StreifzĂŒge 46/2009 (www.streifzuege.org); Niko Paech 2012: »GrĂŒnes Wachstum? Vom Fehlschlagen jeglicher EntkopplungsbemĂŒhungen: Ein Trauerspiel in mehreren Akten«, in: Thomas Sauer (Hg.): Ökonomie der Nachhaltigkeit. Grundlagen, Indikatoren, Strategien, Marburg: 161–181.
  • Alain Ehrenberg 2004: Das erschöpfte Selbst, Frankfurt.
  • Niko Paech 2010: »Nach dem Wachstumsrausch: Eine zeitökonomische Theorie der Suffizienz«, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie 47/166–167: 33–40.
  • Björn Paech, Niko Paech 2011: »Suffizienz plus Subsistenz ergibt ökonomische SouverĂ€nitĂ€t«, in: Politische Ökologie 29/124: 54–60.
  • Niko Paech 2005: Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum, Marburg; Niko Paech 2012: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, MĂŒnchen.

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  • Niko Paech ist außerplanmĂ€ĂŸiger Professor fĂŒr Produktion und Umwelt an der UniversitĂ€t Oldenburg. Neben der LehrtĂ€tigkeit mit Schwerpunkt Umweltökonomik und Nachhaltigkeitsforschung ist er auch erster Vorsitzender der Vereinigung fĂŒr Ökologische Ökonomie (VÖÖ) und wissenschaftlicher Beirat von ATTAC Deutschland.


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