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Artikelinformationen:

Veröffentlicht am:
10. April 2014
Autor(en) des Artikels:
Fritz Andres

Geldreform und Unternehmensverfassung

 

Eine Geldreform nach den Vorschl√§gen Silvio Gesells bringt das Verh√§ltnis des Geldes zur Ware in Ordnung. Sie sorgt f√ľr einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf. Damit scheint sie nur f√ľr die Marktbeziehungen der Unternehmen von Bedeutung zu sein. Auswirkungen auf das Innenleben der Unternehmen sind zun√§chst nicht ersichtlich. Diese ergeben sich aber mittelbar, und zwar einerseits als Folge von Vollbesch√§ftigung, die die Position der Arbeit im Verh√§ltnis zum Unternehmer aufwertet, und andererseits als Folge der S√§ttigung des Kapitalmarktes, die die Position des Kapitals gegen√ľber dem Unternehmer abwertet. In beiden Verh√§ltnissen entstehen neue Gleichgewichte, die die Verfassungen der Unternehmen grundlegend ver√§ndern werden.
 

Der Unternehmer und die Mitarbeiter

Ein geschlossener Wirtschaftskreislauf und damit Dauerkonjunktur beseitigt im Laufe einiger Jahre die Arbeitslosigkeit. Arbeitspl√§tze werden reichlich angeboten, Mitarbeiter werden knapp und gesucht. Damit √§ndert sich das Verh√§ltnis zwischen Arbeiter und Unternehmer am sogenannten Arbeitsmarkt. Die Unternehmer sehen sich gezwungen, immer mehr auf die Bed√ľrfnisse ihrer Mitarbeiter (und derer, die es werden sollen) einzugehen. Das bedeutet zun√§chst h√∂here L√∂hne und Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die Arbeiter kommen allm√§hlich aus ihrer traditionellen Unterlegenheit gegen√ľber den Unternehmern heraus. Und doch bleiben die Verh√§ltnisse in einem zentralen Punkt unbefriedigend: es besteht weiterhin der dem Lohnverh√§ltnis innewohnende Interessengegensatz zwischen dem Unternehmer und seinen Mitarbeitern. Ist n√§mlich der Lohn erst einmal ausgehandelt, so ist der Mitarbeiter √∂konomisch gesehen an seiner Arbeit nicht weiter interessiert, w√§hrend der Unternehmer in der vereinbarten Zeit m√∂glichst viel und gute Arbeit haben will. Dieser Interessengegensatz erfordert von Seiten des Unternehmers die Einrichtung eines betrieblichen Antriebs- und Kontrollsystems, das gew√§hrleistet, dass in der vereinbarten Arbeitszeit reichlich und gut gearbeitet wird. Im Lohnverh√§ltnis ist der Unternehmer also stets der treibende Teil. Dabei kam ihm bisher die Angst der Arbeiter vor Arbeitslosigkeit zur Hilfe ‚Äď eine Hilfe, die nun, bei Vollbesch√§ftigung, versagt. Eigentlich m√ľsste nun der Unternehmer sein Antriebs- und Kontrollsystem versch√§rfen. Aber wenn der Arbeiter bei Verlust seines Arbeitsplatzes leicht einen anderen finden kann, wird er sich dies immer weniger gefallen lassen. Der Unternehmer ger√§t so in eine ausweglose Situation: er muss das Unternehmen effizient f√ľhren, um am Markt bestehen zu k√∂nnen, das daf√ľr notwendige Antriebs- und Kontrollsystem kann er sich aber im Wettbewerb um gute Mitarbeiter nicht mehr leisten. Das Lohnverh√§ltnis versagt also bei Vollbesch√§ftigung. Es √ľberrascht daher nicht, dass viele Unternehmer in Vollbesch√§ftigungszeiten schon von ‚Äě√úberbesch√§ftigung‚Äú reden und zur Disziplinierung der Arbeiter eine h√∂here Arbeitslosenquote fordern.

Das w√§re jedoch ein echter sozialer R√ľckschritt, dem die Politik widerstehen muss. Die Unternehmer m√ľssen sich dann im eigenen Interesse etwas Neues einfallen lassen. Dieses Neue kann nur in einer Gestaltung des Arbeitsverh√§ltnisses bestehen, durch die die Interessen der Arbeiter mit denen des Unternehmers koordiniert werden.

Händekreis

Das erfordert den Ersatz des Lohnverh√§ltnisses durch Beteiligungsverh√§ltnisse, durch die der Arbeiter in irgendeiner Weise am Ergebnis seiner Leistung und am Unternehmenserfolg beteiligt wird. Dadurch entsteht eine partnerschaftliche Beziehung zwischen dem Unternehmer und seinen Mitarbeitern, wie sie von einigen Unternehmen heute schon gesucht und ausprobiert wird. Eine solche partnerschaftliche Organisation der Arbeitsverh√§ltnisse ist in vielf√§ltigen Formen m√∂glich. In ihrem Zentrum steht die Zielsetzung, die √∂konomischen Interessen des Unternehmers und seiner Mitarbeiter in die gleiche Richtung, n√§mlich auf einen gr√∂√ütm√∂glichen Unternehmenserfolg auszurichten. Der Arbeiter wird dadurch weder zum Unternehmer oder Mitunternehmer noch zum Miteigent√ľmer, er hat keine Au√üenverantwortung und -haftung, aber er bleibt im Innenverh√§ltnis gegen√ľber dem Unternehmer auch nach Abschluss des Arbeitsvertrags ein gleichberechtigter Partner (sog. Innengesellschaft).

Der Unternehmer und die Kapitalgeber

Als weitere Folge der Geldreform ergibt sich auf l√§ngere Frist eine Vermehrung des Kapitals, die schlie√ülich zur S√§ttigung des Kapitalmarkts f√ľhrt und sich in einem Zins um Null zeigt. Da Ersparnisse nach der Geldreform in liquider Form nicht mehr verlustfrei gehalten werden k√∂nnen, bleibt ‚Äď vom Kredit an Konsumenten oder an den Staat abgesehen ‚Äď nur noch die Sachinvestition des Unternehmers als M√∂glichkeit der Wertaufbewahrung √ľbrig. Die Sparer bzw. die ihre Ersparnisse weitervermittelnden Banken sind dann in gleicher Weise auf die die Sachinvestitionen t√§tigenden Unternehmer angewiesen wie diese es schon immer auf die Sparer/Banken und ihre Ersparnisse waren. Dadurch entsteht ein Gleichgewicht zwischen Unternehmern und Sparern bzw. Banken, das auch in der Art und Weise, wie Kapital dem Unternehmen zugef√ľhrt wird, seinen Niederschlag finden wird. Im Zustand des Machtgleichgewichts oder besser: der gleichen Machtlosigkeit beider Seiten werden sich sachlich sinnvolle und den beiderseitigen Interessen angemessene Formen der Kapitalzuf√ľhrung durchsetzen.

Dabei ist das Interesse des Unternehmers auf eine freie Verf√ľgungsbefugnis √ľber das Kapital ohne Mitwirkung des Kapitalgebers bei seinen unternehmerischen Entscheidungen gerichtet, das Interesse des Kapitalgebers dagegen auf Werterhaltung seiner Ersparnisse. Dieser Interessenlage entspricht der Kredit (Kredit = Vertrauen). Es ist daher zu erwarten, dass das sogenannte Eigenkapital, durch das der Kapitalgeber heute eine quasi-unternehmerische Position erlangt, weitgehend ersetzt wird durch Fremdkapital. Eigenkapital bleibt dann nur dort notwendig, wo der Unternehmer Risiken eingehen will, deren Bew√§ltigung ihm der Kapitalmarkt nicht zutraut. Aber dann wird es funktionell nur ein Anh√§ngsel des Unternehmers sein, und nicht wie heute, die Unternehmerfunktion f√ľr sich usurpieren.

Die zu erwartenden Wirkungen der Geldreform auf die Unternehmensverfassung lassen sich wie folgt zusammenfassen: im Verh√§ltnis zur Nachfrage der Unternehmer wird das Angebot an Arbeit knapp, das Angebot an Kapital reichlich. Dadurch wird im Verh√§ltnis zum Unternehmer die Position der Arbeit aufgewertet, die des Kapitals abgewertet. Die Arbeit wird gewisserma√üen von unten her zum Unternehmer ins Gleichgewicht r√ľckt in die N√§he des Unternehmers und bleibt auch im Vollzug des Arbeitsverh√§ltnisses sein gleichberechtigter Partner, das Kapital wird aus seiner heutigen pseudo-unternehmerischen Position herausgedr√ľckt in eine einflusslose, daf√ľr aber auf Vertrauen (Kredit) beruhende Vertragsbeziehung. Das Arbeitsverh√§ltnis wandelt sich vom Austauschvertrag (Lohnverh√§ltnis) zum Beteiligungsvertrag, die Kapitalbeziehung vom Beteiligungsverh√§ltnis (unternehmerfremdes Eigenkapital) zum Austauschvertrag (Kredit). Arbeit und Kapital erhalten dadurch im Unternehmen die ihnen angemessene und ihren legitimen Interessen entsprechende Stellung.

Die Umwandlung der Unternehmensverfassungen hat ihrerseits vielf√§ltige Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben: die Unternehmensorganisation wird dezentral, weil die Gleichrichtung der Interessen beim Unternehmer das Vertrauen schafft, dass der Arbeiter auch dann, wenn er ihm Spielr√§ume zur selbst√§ndigen Entscheidung einr√§umt, diese im Sinne des Unternehmens nutzen wird. Dar√ľber hinaus werden, wenn von der Kapitalseite kein Einfluss mehr auf die Unternehmen ausge√ľbt werden kann, alle heutigen, auf Beteiligung am Eigenkapital basierenden Konzernbildungen in selbst√§ndige unternehmerische Einheiten zerfallen. Es ergibt sich also nicht nur eine Dezentralisierung innerhalb der Unternehmen, die bis zur Verselbst√§ndigung und Ausgliederung von Unternehmensteilen f√ľhren kann, sondern auch eine Dezentralisierung der gesamten Unternehmenslandschaft durch Aufl√∂sung der Konzernverflechtungen und der sonstigen, auf Beteiligungsbesitz beruhenden Beherrschungsverh√§ltnissen zwischen den Unternehmen. Auch f√ľr Kauf und Verkauf von Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen entf√§llt die Grundlage, wenn aus dem Kapitalbesitz kein Einfluss auf das Unternehmen mehr abgeleitet werden kann. Das bestehen bleibende Problem der Unternehmensnachfolge wird vom Unternehmer zu l√∂sen sein. Da der Nachfolger aber in die Vertragsverh√§ltnisse mit der Arbeits- wie auch mit der Kapitalseite eintreten muss, werden im Zustand allseitiger Machtlosigkeit f√ľr diesen Fall sachlich sinnvolle Mitwirkungsrechte (vor allem der Arbeitsseite) und ggf. Einspruchsrechte (vor allem der Kapitalseite) von vornherein vereinbart werden. Die grundlegenden Umwandlungen, die die Unternehmensverfassungen als mittelbare Folge der Geldreform erfahren werden, m√∂gen zum Teil in weiter Ferne liegen. Ihre zentrale Bedeutung f√ľr das Arbeitsschicksal des Einzelnen wie auch f√ľr die Gestalt, die der Bereich der Wirtschaft insgesamt annimmt, k√∂nnen aber ein zus√§tzliches Motiv sein, sich mit der Reform der Geldordnung zu befassen und f√ľr sie einzusetzen.

 
Quelle: ZfS√Ė, Folge 145, Juni 2005

Aktualisiert am
 
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  • Fritz Andres, wohnhaft in Kirn, ist Jurist und ehemaliger Unternehmer, sowie Dozent des interfakultativen Institutes f√ľr Entrepreneurship der Universit√§t Karlsruhe. Mitglied des Seminars f√ľr freiheitliche Ordnung e.V. (sffo) in Bad Boll.


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